KONTEXT Extra:
Abschiebung nach Afghanistan: Strobls "katastrophale Pannen"

Immerhin eines ist geklärt: was CDU-Innenminister Thomas Strobl unter dem "konsequenten Vollzug von Recht und Gesetz" versteht. Nach einer Einzelfallprüfung durch sein Haus sollten am Mittwochabend ein psychisch kranker Mann, der per Gerichtsbeschluss schon einmal von der baden-württembergischen Abschiebe-Liste geholt wurde, und ein afghanisch-türkischer Familienvater aus München nach Kabul reisen müssen. Abermals griffen Gerichte ein. Der grüne Koalitionspartner tobt, von "katastrophalen Pannen" ist die Rede und davon, dass der CDU-Landeschef alle Absprachen gebrochen hat. Sogar Ministerpräsident Winfried Kretschmann knöpfte sich den Stellvertreter vor. Und die baden-württembergischen Jusos sprechen von einem "Spiel mit dem Leben der Betroffenen". Dass wieder Gerichte "eingreifen müssen, um diesem Irrsinn ein Ende zu setzten, zeigt, wie leichtfertig mit dem Schicksal einzelner Menschen umgegangen wird". Die Landesregierung habe den Spielraum, "das zu stoppen, und muss diesen endlich nutzen".

Bisher wollte sich Kretschmann dem vorübergehenden Abschiebestopp nach Afghanistan, den andere grün-mitregierte Länder bereits umsetzen, allerdings nicht anschließen. Der Druck auf ihn steigt aber weiter, nachdem am Mittwoch auch ein Mann abgeschoben wurde, der seit Jahren einen Arbeitsplatz in Baden-Württemberg hatte. Außerdem ist Strobl weiter uneinsichtig und will die Aufregung beim Koalitionspartner, bei den Jusos, den Flüchtlingsorganisationen und vielen Unterstützern vor Ort nicht verstehen. Stattdessen sieht er in einer Aussetzung von Abschiebungen eine "Aushöhlung des Rechtsstaats". Er könne nicht nachvollziehen, sagt der Merkel-Vize, dass es Länder gibt, die sich "systematisch weigern", geltendes Recht zu vollziehen: "Das sind Schläge gegen den Föderalismus."

Mehr zum Thema: "Späte Einsicht", "Kritik ist Lüge", "Der Hardliner", "Geisterfahrer unterwegs" https://www.kontextwochenzeitung.de/politik/300/der-hardliner-4100.html


Alles von vorne

Nicht alle bekommen eine zweite Chance, baden-württembergische Landtagsabgeordnete nehmen sie sich: Mit einem sogenannten Aufhebungsgesetz beginnen die Reparaturarbeiten nach dem bisher größten Aufreger der Legislaturperiode, der im Hau-Ruck-Verfahren beschlossenen knappen Verdoppelung der Pauschalen für Aufwand und Wahlkreis, sowie der Rückkehr zur staatlichen Altersversorgung. Die Grünen wollten alle Vorhaben gemeinsam auf den Prüfstand stellen, CDU und SPD setzten sich durch mit einer Expertenkommission, die allein die Rentenreform prüfen wird.

Zuerst allerdings muss Mitte März das entsprechende Gesetz endgültig aufgehoben werden. Danach werden die Experten, einschließlich jener vom Rechnungshof, benannt. Irgendwann im Herbst soll dann mit jener Transparenz, an der es im ersten Durchlauf bitter mangelte, über die Veränderungen, mit denen eine Anhebung der Alters- und Hinterbliebenenversorgung einhergeht, diskutiert werden. Eile haben die Abgeordneten keine, denn niemand will sich ausgerechnet in den Wochen vor der Bundestagswahl abermals Vorwürfen aussetzen, sich eine Luxuspension auf Staatskosten zu genehmigen. (22.2.2017)

Mehr zum Thema: "Raffkes mit Mandat"


Fahrverbote beschlossen – Nordost-Ring vom Tisch

Wie ein Gespenst geisterte seit Wochen ein vor fast 40 Jahren beerdigtes Verkehrsprojekt durch die Debatte um Feinstaubalarmtage und Fahrverbote in der Landeshauptstadt: der Nordost-Ring. Jetzt hat Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) allen Spekulationen eine Absage erteilt. Auch deswegen, weil die Baumaßnahme entgegen den Behauptungen von Teilen der CDU keineswegs bereits im Bundesverkehrswegeplan steht. "Dort geht es um neun Kilometer der B 29", so Hermann nach dem heutigen Kabinettsbeschluss zu Fahrverboten ab 1.1.2018 an Feinstaubtagen, den schlussendlich auch die CDU-Landtagsfraktion mittrug.

Prompt gab es Lob von Umwelt- und Naturschützern. Hermann habe erkannt, so die BUND-Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender, "wenn nicht zeitnah effiziente Maßnahmen greifen, so werden die Gerichte die Entscheidungen zum Schutze der Bürger*innen treffen und die Politik das Heft aus der Hand geben müssen". Die Stuttgarter CDU ist noch nicht ganz so weit. Für den Kreisvorsitzenden Stefan Kaufmann sind Fahrverbote weiterhin "politisch klar abzulehnen". Und er träumt von Nordost-Ring: Jetzt gelte es "endlich neue Verkehrsprojekte wie den Nord-Ost-Ring auf den Weg zu bringen". Hermann machte dagegen deutlich, dass das nach dem eben erst in Kraft gesetzten Bundesverkehrswegeplan gar nicht möglich ist. 

In den Sechzigern und Siebzigern waren zwei Varianten durchdacht worden: eine größere mit einem Autobahnzubringer bei Mundelsheim und eine kleinere etwa auf der Gemarkungsgrenze zwischen Waiblingen und Fellbach. Schon damals vertraten Verkehrswissenschaftler allerdings die Ansicht, dass ein Ringschluss rund um Stuttgaart weniger die Stadt, sondern die Autobahnen im Westen und Süden entlasten würde.


Korntal: Opfervertreter verlangen mehr Engagement der Landeskirche

Die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der evangelischen Brüdergemeinde Korntal ist unterbrochen. Die Opfervertreter verlangen einstimmig, dass sich Frank Otfried July endlich entscheidend einbringt. "Wir werden nicht mehr mit den Brüdern sprechen", so Netzwerk-Sprecher Detlev Zander. Jetzt müsse "der Oberhirte, also der Bischof, ran". Im Betroffenen-Netzwerk organisiert, werfen mehr als 300 ehemalige Heimkinder der Brüdergemeinde vor, in den 1950er- bis 1980er-Jahren in deren zwei Einrichtungen sexuell missbraucht, misshandelt und gedemütigt worden zu sein.

Dass mehr Engagement von July gefordert wird, ist nicht neu. Im Sommer 2016 hatte einer der Betroffenen in einem langen Schreiben an den Landesbischof appelliert: "Die Kirche ist mit in der Verantwortung und wenn Sie als Oberhirte weiter schweigen, machen Sie sich persönlich schuldig. Die Heimopfer warten auf ein klärendes Wort von Ihnen." Denn die Korntaler Fürsorge habe "einen menschlichen Scherbenhaufen hinterlassen". (20.02.2017)


NSU-Ausschuss will weitere Akten

Der zweite parlamentarische Untersuchungsausschuss zum "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) geht auf die Suche nach zusätzlichen Akten, um dessen Verbindungen nach Baden-Württemberg besser auszuleuchten. Die Abgeordneten meinen, beim Generalbundesanwalt und/oder im Bundesamt für Verfassungsschutz fündig werden zu können. Beauftragt ist Bernd von Heintschel-Heinegg. Der Rechtswissenschaftler war schon für den ersten Ausschuss des Landtags und als Sonderermittler auch für den Bundestag tätig.

Zurückgestellt wurde in diesem Zusammenhang die Ladung von Mike Markus Friedel. Vor allem der NSU-Experte Hajo Funke hatte immer wieder darauf gedrängt, dass der gebürtige Sachse gehört wird. Dessen Name stand auf der sogenannten Garagenliste, die 1998 in Jena sichergestellt, aber erst mit großer zeitlicher Verzögerung detailliert ausgewertet wurde. Vor fast zwanzig Jahren zog er nach Heilbronn. "Markus Friedel war mit 'Erbse' (V-Mann), Torsten Ogertschnig, zusammen im Ländle im Gefängnis", schreibt Funke. Und von Friedel habe "Erbse" seine Kenntnisse über den NSU und Mundlos.

Bei einer Veranstaltung der "Anstifter" im Stuttgarter Kunstverein hat Rainer Nübel, der im ersten Ausschuss als Sachverständiger aufgetreten war, erneut von den Abgeordneten verlangt, sich ernsthafter mit der Anwesenheit ausländischer Geheimdienste am 25. April 2007 in Heilbronn zu befassen. An diesem Tag waren die Polizistin Michèle Kiesewetter ermordet und ihr Kollege Martin Arnold schwer verletzt worden. Der zweite Ausschuss hat bereits mehrere Zeugen vernommen. Jetzt ist ein Bericht beim Bundesnachrichtendienst angefordert.

Die nächste Ausschusssitzung beginnt am Freitag, den 24. Februar, um 9.30 Uhr im Landtag. Zwei Kriminalbeamtinnen sollen Auskünfte über die rechte Szene geben und die Verbindungen des NSU in den Südwesten. Geladen sind außerdem drei Zeuginnen, die Kontakt zu Beate Zschäpe gehabt haben sollen.

Auch die weiteren Sitzungstermine bis zur parlamentarischen Sommerpause sind festgelegt: 20. März, 28. April, 15. Mai, 19. Juni und der 17. Juli 2017.

Mehr zum Thema: "Geheimdienste im Fokus", "Eh-wurscht-Akten" 


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Die Götzenburg in Jagsthausen, Wohnsitz von Roman Herzog, Bundespräsident a. D.

Die Götzenburg in Jagsthausen, Wohnsitz von Roman Herzog, Bundespräsident a. D.

Ausgabe 147
Gesellschaft

Schweigen auf der Burg

Von Ralf Garmatter (Text und Fotos)
Datum: 22.01.2014
Roman Herzog (79), ehemaliger Bundespräsident, ist es zu verdanken, dass der 27. Januar zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus wurde. Zweimal hat der CDU-Politiker selbst die Gedenkrede im Deutschen Bundestag gehalten. Beide Male fand der Jurist deutliche Worte. Zu den SS-Gedenksteinen vor seiner Bürotür fehlen sie ihm.

Roman Herzog 1999: "Ich habe es schon des Öfteren gesagt und wiederhole es hier bewusst: Für mich ist jeder Versuch, die Verbrechen des Nationalsozialismus aus der geschichtlichen Erinnerung auszublenden, letztlich nur eine besondere Form intellektueller Feigheit, und Feigheit ist das Letzte, was ich von meinem Volk erleben möchte."

                                                                                   ∗

Um den Bundespräsidenten a. D. ist es in den vergangenen Jahren still geworden. Seit einiger Zeit lebt er im Schloss Jagsthausen (Landkreis Heilbronn), der Burg des legendären Götz von Berlichingen (1480 bis 1562). Laut "Bild"-Zeitung vom 5. November 2013 wohnt Roman Herzog dort mit seiner zweiten Frau, Alexandra Freifrau von Berlichingen (71), die er 2001 heiratete. Seine erste Frau Christiane war 2000 an einem Krebsleiden gestorben.

In der Götzenburg in Jagsthausen hat Herzog ein Arbeitszimmer, in Heilbronn sein offizielles Büro als ehemaliger Bundespräsident. Kaum 100 Meter von Herzogs Jagsthausener Arbeitszimmer entfernt stehen zwei große Gedenksteine für militärische Einheiten. Ende November 2013 war der eine mit einem frischen Kranz, der andere mit einem frischen Blumengesteck geschmückt. Alltag in Deutschland im November, könnte man meinen: Die Menschen gedenken ihrer toten Familienangehörigen.

SS-Gedenkstein für die 17. Panzergrenadier-Division Götz von Berlichingen.
SS-Gedenkstein für die 17. Panzergrenadier-Division "Götz von Berlichingen".

Die Inschriften der beiden Gedenksteine verheimlichen aber mehr, als sie preisgeben. Das könnte so gewollt sein. Hinter den Inschriften "Unseren Kameraden – 17. PZ. GREN. DIV. 'GÖTZ VON BERLICHINGEN'" und "Den Gefallenen der PZ. DIV. WIKING – Errichtet von ihren Pionieren" verbergen sich zwei Divisionen der Waffen-SS, die im Zweiten Weltkrieg an zahlreichen Kriegsverbrechen beteiligt waren. Darüber will in Jagsthausen aber keiner sprechen. Niemand will sagen, wer die Steine aufgestellt hat und wer dort alljährlich im November frischen Blumenschmuck ablegt.

Die Soldaten dieser SS-Einheiten waren im Krieg nicht zimperlich. In der Zentralen Stelle der Landesjustizanstalten zur Verfolgung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg sind "insgesamt 16 Aktenbände recherchierbar, die Ermittlungen gegen Angehörige der SS-Divisionen 'Götz von Berlichingen' und 'Wiking' zum Gegenstand haben". Im Buch "Soldaten – Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben" von Sönke Neitzel und Harald Welzer (2011 erschienen) werden die beiden SS-Divisionen "Götz von Berlichingen" und "Wiking" als äußerst brutal dargestellt.

Zwölf Mark Zuschlag für Töten am laufenden Band

Nur ein Beispiel: Oberscharführer Fritz Swoboda, Angehöriger der SS-Division "Götz von Berlichingen", erzählt in der Gefangenschaft einem deutschen Oberleutnant Details der Ermordung von Zivilisten in der Tschechoslowakei. Das Gespräch wurde abgehört. Der SS-Oberscharführer berichtete: "Da waren doch Erschießungen am laufenden Band, da gab es die zwölf Mark Zulage, 120 Kronen am Tag für die Erschießungskommandos. Da haben wir nichts anderes gemacht, also die Gruppen von zwölf Mann haben jeweils sechs Mann geführt und dann umgelegt. Da habe ich vielleicht 14 Tage nichts anderes gemacht. Und da haben wir doppelte Verpflegung gekriegt, weil das doch ungeheuer die Nerven kostet."

Und für die  Panzerdivision Wiking.
Und für die Panzerdivision "Wiking".

Angesichts der grausigen Morde ist nicht zu dulden, dass auf einem frei zugänglichen Grundstück in Jagsthausen heute noch Gedenksteine für zwei Einheiten einer "verbrecherischen Organisation" (SS) stehen können. Unmittelbar daneben befindet sich die Gedenkstätte der Gemeinde Jagsthausen für die Opfer der Nazidiktatur. Unbedarfte Betrachter der SS-Gedenksteine gewinnen den Eindruck, dass diese zur gemeindlichen Erinnerungsstätte "Ehrenmal der Gemeinde für Gefallene und Vermisste des Ersten und Zweiten Weltkrieges" und für die "Opfer der Gewaltherrschaft während der Nazi-Diktatur" gehören. Das Grundstück mit der Flurstücknummer 214/1 gehört aber zur Götzenburg der Familie "von Berlichingen". Keine 100 Meter von den SS-Steinen entfernt ist der Eingang zu den Jagsthausener Burgfestspielen, die im Sommer Tausende Besucher anlocken. Auch Theaterstücke für Kinder sind dort zu sehen.

Bundespräsident a. D. Herzog hüllt sich beim Thema Nazidivisionen in Schweigen. Fragen zu den SS-Gedenksteinen beantwortete er nicht. Auch mehrmaliges Nachhaken per Telefon, E-Mail und Fax blieb ohne Erfolg. Herzogs Büromitarbeiterin bestätigte lediglich, dass "der Bundespräsident die Unterlagen zu Hause hat und sie prüft". Auch der amtierende Schlossherr, Götz Freiherr von Berlichingen (46), ein Jurist wie sein Stiefvater Roman Herzog, beantwortet keine Fragen zu den SS-Gedenksteinen auf seinem Grundstück.

Eine verschwiegene Gemeinschaft

Jagsthausens Bürgermeister Roland Halter gibt sich betont einsilbig. Der Schultes der 1600-Einwohner-Gemeinde im idyllischen Jagsttal teilt lediglich mit, dass das Grundstück 214/1 weder der Gemeinde noch dem Land und auch nicht dem Bund gehöre. Es sei vielmehr in Privatbesitz. Zum Schluss wirkt Halter genervt: "Von meiner Seite aus ist alles dazu gesagt, und ich bitte Sie, dies endlich zu respektieren. Weitere Anfragen werde ich nicht beantworten."

Gedenkstätte der Gemeinde Jagsthausen für die Opfer der Nazidiktatur. Im Hintergrund ein SS-Gedenkstein.
Gedenkstätte der Gemeinde Jagsthausen für die Opfer der Nazidiktatur. Im Hintergrund ein SS-Gedenkstein.

Wegen des allgemeinen Schweigens in Jagsthausen bleibt offen, wer die SS-Gedenksteine aufgestellt hat und wann; warum sie unmittelbar neben der gemeindlichen Gedenkstätte für die "Opfer der Gewaltherrschaft während der Nazi-Diktatur" stehen, wer heute noch frischen Grabschmuck dort ablegt; welchen Zweck die Steine erfüllen und ob Mitglieder der Familie "von Berlichingen" den SS-Divisionen "Götz von Berlichingen" und "Wiking" angehörten. Ungewiss bleibt auch, was mit den beiden SS-Gedenksteinen passieren soll. Ein Kenner der örtlichen Verhältnisse in Jagsthausen, der nicht genannt werden will, sagt, dass Alt-Bundespräsident Herzog und die Familie "von Berlichingen" mit den SS-Gedenksteinen auf dem Grundstück der Götzenburg "nicht glücklich" sind.

Entschiedene Kritik übt der Antifaschist Siegfried Hubele an der "SS-Gedenkstätte" in Jagsthausen. Hubele ist Mitglied der "Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten" (VVN-BdA) und ein Sprecher der KZ-Gedenkstätte Schwäbisch Hall-Hessental. Sein Kommentar: "Wenn unmittelbar neben einer Gedenkstätte für die Opfer der Gewaltherrschaft auch Gedenksteine der SS – einer verbrecherischen Organisation – platziert sind, wird schon visuell der Graben zwischen Opfer und Täter zugeschüttet." Hubele empfindet "diese Installationen als höchst geschmacklos, geschichtslos und skandalös. Wenn sie dann noch auf einem Gelände stehen, das der Familie des Ex-Bundespräsidenten gehört, dann dokumentiert das nochmals, was Herzog einst bei seiner Rede mit dem "Ruck durch Deutschland" gemeint hat – nämlich einen weiteren Ruck nach rechts."

Der Blumenschmuck an den SS-Gedenksteinen wird wohl regelmäßig gegossen: "17. G.v.B." steht auf der Gieskanne.
Der Blumenschmuck an den SS-Gedenksteinen wird wohl regelmäßig gegossen: "17. G. v. B." steht auf der Gießkanne.

Dass an SS-Gräbern und SS-Gedenksteinen auch heute noch Blumen niedergelegt werden, zeige, so Hubele, dass es offenkundig noch und wieder Kräfte gibt, die in solchen Weltanschauungskriegern Vorbilder sehen. SS und andere Kriegsverbrecher sind nach Ansicht des Schwäbisch Haller Antifaschisten "immer Bezugspunkte für die militante Rechte. Auch von so was kommt der NSU." Hubele fordert, dass der "Gleichsetzung von Opfern und Kriegsverbrechern ein Ende bereitet wird, indem die SS-Steine entfernt werden."

Dazu braucht es Mut, Geschichtsbewusstsein und Entschlossenheit. Eigentlich ein Fall für Roman Herzog. Denn Feigheit mag er nicht.


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Kommentare

Peter Schneider, 30.10.2016 02:24
Wer Geschichte nur auf 1933 - 1945 reduziert, kennt eben Geschichte nicht. Er sucht sich den Teil heraus, der ihm besonders passend erscheint. Zu mir sagte mal ein Engländer, ihr hattet euren Hitler und wir hatten unsere Verbrecher. Und dann erklärte er mir in aller Ruhe, in einer süddeutschen barocken Festungsstadt, eine Waffe, die von 1689 übrig blieb. Die einzigen Probleme, die ich in meinem Leben bisher mit Franzosen und Engländer hatte, waren, daß ich in der Schule etwas nachlässig mit deren Sprache umging. Die 70 Jahre Bereuungskultur ist eine deutsche Schieflage. Aber keineswegs sind es die Zukunftssorgen der Länder, die den Einmarsch deutscher Truppen ertragen, erleiden mußten.

Philipp Hiereth, 28.08.2014 12:40
Ich finde es beschämend, dass hier Menschen, die sich nicht im Entferntesten vorstellen können, was diese Generation in jungen Jahren mitmachen musste, pauschal über ganze Verbände urteilen.
Es geht hier nicht um die Verherrlichung der Waffen SS, es geht um stilles Andenken an Gefallene, die häufig auch nur Opfer eines Regimes waren. Dass solche Gedenkstätten ggf. von Neonazis mißbraucht werden, darf kein Grund sein, Angehörigen und Überlebenden das Gedenken an Ihre Gefallenen streitig zu machen. Natürlich gab es Kriegsverbrechen verschiedener Waffen SS Einheiten und jedes einzelne ist -wie der Name sagt- ein Verbrechen, das nicht zu rechtfertigen ist.
Dennoch sind nicht alle Angehörigen der Waffen SS oder der Wehrmacht Verbrecher.
Und Ihrem Gedenken, derer, die in einer schrecklichen Zeit unvorstellbare Opfer bringen mussten, gilt diese kleine Stätte. Was ist daran verwerflich?
Können wir nicht endlich aufhören, in allem nur schwarz-weiß zu denken? Können wir nicht einfach dankbar sein, in Frieden und in Freundschaft mit den Gegnern von einst leben zu dürfen?
Warum dürfen wir nicht um unsere Soldaten trauern, wie jedes andere Land auch?
Ich bin froh, in Frieden, Freiheit und Wohlstand aufgewachsen zu sein. Ich möchte das Opfer dieser Generation, egal, ob deutscher oder alliierter Soldat nicht in Vergessenheit geraten lassen.

Arnhold W. Blumenthal, 20.03.2014 14:51
Merkwürdig... ist der Autor etwa nicht des Lesens mächtig? Die Bezeichnung der Gedächtnisstätte in Jagsthausen lautet korrekt "Gedächtnisstätte der Kriegstoten". Und dies bezieht ALLE Kriegstoten mit ein. Gefallene Soldaten ebenso wie durch alliierten Bombenterror getötete Zivilisten.
Die Bezeichnung "Opfer der Gewaltherrschaft während der Nazi-Diktatur", die wohl nur im politisch korrekten Hirn des Autors existiert, ist schon insofern falsch, da sie ganz im linkspopulistischen Sinne die deutschen Opfer außen vor läßt.
Die ehrwürdigen Ahnen derer von Berlichingen würden sich sicher im Grabe herum drehen, wenn sie wüßten, was für eine Laus sich dort in ihrem Anwesen eingenistet hat...

Rolf Steiner, 25.01.2014 14:24
"... eine besondere Form intellektueller Feigheit, und Feigheit ist das Letzte, was ich von meinem Volk erleben möchte."

Doch leider finden wir, s.g.H.Bundespräsident i.R. diese intellektuelle Feigheit bei Ihnen. Oder interessiert Sie Ihr "Geschwätz" von gestern nicht mehr?

Gibt es eine insgeheime "intellektuelle Komplizenschaft" mit diesen SS-Einheiten, dann wäre es angebracht, dass Sie sich endlich einen "Ruck" geben. Schon Christus sagte: "An ihren Taten werdet Ihr sie erkennen."

Peter, 24.01.2014 08:16
Antwort zu Gabi (23.01.2014 13:17)

Nein, ich bin nicht der Meinung, dass SS-Massenmörder das Recht haben, in Frieden zu ruhen. Wie Gabi bin aber auch ich der Meinung, dass wir in unserem Gedenken nicht nachlassen sollten, allerdings im negativen Gedenken an die SS-Täter und ihre Verbrechen - auch so geben wir den ihren Opfern den verdienten Respekt. Vielleicht einen noch größeren als durch das direkte Opfergedenken.

Gabi, 23.01.2014 13:17
Also ich bin jetzt schon etwas verwirrt.
Erstens: Mit 79 Jahren noch ein Büro? Soll jeder halten wie er will, kommt nur darauf an wer es bezahlt. Es ist schon eine Schande, dass Politiker selbst nach dem Austritt aus dem "Arbeitsleben" noch Gelder vom Arbeitgeber und dies wohl auf Lebszeit bekommen. Das sollte man dringend ändern und abschaffen. "Otto Normalverbrauer" der diese Leistungen finanziert, kommt ja auch nicht in den Genuss.

Zweitens: Es mag unglücklich und moralisch höchst fragwürdig sein, dass ein Gedenkstein der SS-Opfer neben einem Gedenkstein der SS-Täter steht, man sollte aber doch noch bedenken, es handelt sich bei beiden Toten um Menschen.
Auf jedem Friedhof findet man irgendwo Opfer und Täter und alle sind Menschen. Verbrechen kann man nicht ungeschehen machen nur weil man einen Stein entfernt unter dem man SS-Täter findet. Lassen wir doch die Menschen in Frieden ruhen und bündeln lieber die Kräfte um zu verhindern, dass sich die Geschichte wiederholt. Damit Gedenken wir den Opfern meiner Ansicht nach am Meisten und geben Ihnen den verdienten Respekt.
Man kann an der Geschichte nichts mehr ändern, man kann nur daraus lernen und verhindern, dass sie sich wiederholt.
Und als letztes wer kann mit 100%iger Sicherheit sagen das dort nicht nur Opfer begraben sind?

Joos Wismer, 23.01.2014 12:44
Die Sache wäre doch vielleicht ganz einfach zu lösen: Man veranstaltet eine Bemalungsaktion in der Weise, dass von einem Künstler (oder mehreren) im Rahmen eines "Happenings" diese beiden Steine fantasievoll bemalt werden, (womöglich so, dass sie mit plastischem Blut übergossen scheinen, oder anders) und zwar unter Teilnahme ausgewähltes Publikums, das gleichzeitig die Aufgabe hat, das Geschehen möglichst vielfältig zu dokumentieren. Wenn dann der Hausherr erzürnt vom Schloß dahergerannt kommt, sagt das mehr als tausend Anfragen. Wenn es dann Klagen gibt wegen Schändung von Denkmälern wäre die Frage zu stellen, ob auch Schandmäler schändbar sind....

Karola S., 23.01.2014 11:46
Igendwie macht mich diese Artikel doch sprachlos. Roman Herzog ist nun in den Adel geschlüpft.
"Nomen est omen" heißt doch ein lateinisches Sprichtwort. Der Name hat Bedeutung. So nun in zweierlei Hinsicht. Roman Herzog und Herzog ist Adel. Jetzt noch mit von Berlichingen vermischt kann seine Haltung nur bedeuten, was man allgemein von Götz von Berlichingen weiß: "Leckt mich am A....".
Insofern - wird nichts Weiteres von ihm kommen.
Dass er aber immer noch, neben seiner eigentlichen Pension auch noch vom Staat - also unseren Steuergeldern - alimentiert wird mit Büro, Sekretärin, Fahrer und Dienstauto - gehörte für alle BPs und Ex-Kanzler auf den Prüfstand und sollte ausgedünnt werden.

Margot Imm, 23.01.2014 09:40
Da auch ich Feigheit auf den Tod nicht ausstehen kann und ganz zufällig der 27. Januar mein Geburtstag ist, frage ich mich ernsthaft, warum ein ehemaliger Bundespräsident im Alter von 79 Jahren auch noch nach 15 Jahren außer Dienst ein vom Steuerzahler finanziertes offizielles Büro braucht?

Wenn sich der Bundespräsident a.D. jetzt als Rentenschutzbefohlener für die Jugend ins Gespräch bringt, sollte er sich zuvorderst mit dem europaweiten Renteneintrittsalter, der absolut dreisten Rentenentwertung und der aktuellen Durchschnittsrente für Normalsterbliche oder insbesondere für Frauen beschäftigen.
Wie man längst weiß, ist Deutschland im europäischen Vergleich bereits mit dem Renteneintrittsalter 67 der Spitzenreiter und wenn aktuell der BGA-Präsident Börner wieder das Rentenalter 70 ins Spiel bringt, hat dies mal ganz abgesehen vom bestehenden Generationenvertrag absolut nichts mehr zu tun mit dem europäischen Anstandsgebot. Und auch die Überalterung in den Unternehmen oder die zunehmend aufreibendere Arbeitsplatzsuche der jungen Leute steht europaweit auf einem ganz anderen Papier!
Wie soll bitteschön die Generation Praktikum oder Ehrenamt in der längst geschlossenen Gesellschaft eine ordentliche Rentenanwartschaft erwerben?

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