KONTEXT Extra:
Kretschmann Schirmherr für 199 kleine Helden

Ihr Dokumentarfilm hat bei drei Kinderfilmfestivals Preise abgeräumt, zuletzt in Chicago. Klar, dass sich die Regisseurin Sigrid Klausmann über diese Auszeichnungen freut. Seit Jahren begleitet die Stuttgarterin für ihr Filmprojekt "199 kleine Helden" Kinder weltweit auf ihrem Schulweg. Sie redet mit ihnen über ihre Ängste und Wünsche und darüber, wie sich die kleinen Protagonisten die Zukunft vorstellen. Daraus hat Klausmann den preisgekrönten Dokumentarfilm "Nicht ohne uns!" gemacht. Bereits diesen Sonntag (4.12.) wird er im Stuttgarter Metropol Kino gezeigt (16 Uhr), der offizielle Kinostart ist am 19. Januar.

Dass Stuttgart so früh dran ist, liegt mit daran, dass der Stuttgarter OB Fritz Kuhn die Schirmherrschaft für das Projekt übernommen hat. Zusammen mit der Schauspielerin Senta Berger, die sich nun allerdings altersbedingt zurückzieht. Demnächst werden Sigrid Klausmann und ihre kleinen Helden neue Schirmeltern bekommen: Winfried Kretschmann und Hannelore Kraft, die Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Beide Länder unterstützen die kleinen Helden über ihre Landesfilmförderung.

Die Stuttgarter Preview am Sonntag wird ein Familienfest werden. Die Regisseurin Sigrid Klausmann wird ebenso vor Ort sein wie ihr Mann Walter Sittler (Produzent) und die Tochter Lea. Die Musikerin hat den Titelsong zum Film der Mutter komponiert. (2.12.2016)


Im Hajek-Haus soll wieder Feuer brennen

Das Trauerspiel um das Hajek-Haus mag jetzt zumindest die Fraktion SÖS/Linke/Plus nicht mehr mit ansehen. Sie will, per Antrag im Stuttgarter Gemeinderat, dass die Stadt das Kultur-Denkmal "vor dem Verfall" rettet. Wie in Kontext ausführlich berichtet steht die Villa an der Hasenbergsteige 65 seit dem Tod des Bildhauers (2005) leer. Vor fünf Jahren kaufte sie der Möbelfabrikant Markus Benz und ließ sie – Denkmalschutz hin oder her – entkernen. Das wiederum gefiel den behördlichen Denkmalschützern nicht, die sich auf den Gerichtsweg machten, bis heute ohne Ergebnis.

Und seitdem rottet das Haus in bester Halbhöhenlage vor sich hin. Die kulturpolitische Sprecherin der Fraktionsgemeinschaft, Guntrun Müller-Enßlin, vermutet, dass der Möbelmensch auf einen Abriss, und damit eine "verdeckte Immobilienspekulation" hin arbeitet. Stadträtin Laura Halding-Hoppenheit erinnert an die Tradition des Hauses, in dem auch schon Willy Brandt Rotwein trank. Die Villa sei ein Treffpunkt für Menschen gewesen, die etwas bewegen wollten, und dieses "Feuer muss weiter brennen", sagt sie.(30.11.2016)


Das Geschäft mit Waffen läuft

Heckler & Koch hat einen Großauftrag erhalten und wird französische Soldaten aller drei Teilstreitkräfte ab 2017 zehn Jahre lang mit 100 000 Sturmgewehren vom Typ HK 416 ausstatten. Es soll um ein Volumen von 300 Millionen Euro gehen. Der Rüstungsauftrag, heißt es in Paris, werde "die soliden Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich im Verteidigungssektor und besonders in der Rüstungsindustrie" stärken. Die Nachbarn stehen also auf der Liste der sogenannten "grünen Länder", denn – immerhin – nur die sollen weiter beliefert werden.

Am Montagmorgen wurde bekannt, dass der Oberndorfer Waffenhersteller Neugeschäfte allein mit Staaten abschließen will, die demokratisch und nicht korrupt sind. Nach einer Meldung der Deutsche-Presse-Agentur würden damit Kunden wie Saudi-Arabien, Mexiko, Brasilien, Indien oder die Türkei wegfallen. Alte Aufträge sollen allerdings abgewickelt werden, gerade auch mit den Saudis. Das Unternehmen wartet aktuell auf die Genehmigung deutscher Behörden zur Ausfuhr unter anderen von Bauteilen für eine Gewehrfabrik.

Daimler-Chef Dieter Zetsche hatte bei seinem Auftritt kürzlich auf dem Bundesparteitag der Grünen in Münster ausdrücklich die Politik in der Pflicht gesehen: "Wohin wir exportieren, das muss die Politik entscheiden." Zugleich machte er klar, dass es für sein Unternehmen um 3500 von 100 000 Trucks gehe. Appelle, freiwillig auf deren Verkauf zu verzichten, verhallten bisher ungehört. (28.11.2016)


Bahnchef Grube mag Stuttgart 21 nicht mehr

Da rennt der Mann jahrelang rum und erzählt, wie großartig der Tiefbahnhof ist - und jetzt? Jetzt sagt Rüdiger Grube laut "Spiegel": "Ich habe Stuttgart 21 nicht erfunden und hätte es auch nicht gemacht". Nun wird schon spekuliert, ob es vielleicht ein Doppelgänger war, der diesen Satz beim Bundesverband Führungskräfte Deutscher Bahnen gesprochen hat, oder hier ein Fall von Persönlichkeitsspaltung vorliegt? Aber nein, es war der leibhaftige Grube.

Auf die Reaktionen all seiner Freunde darf man gespannt sein. Vorneweg auf jene seiner Chefin Angela Merkel, die mit S 21 die Zukunftsfähigkeit Deutschlands verband. Oder auf die von Teufel, Oettinger, Mappus, Gönner usw., die stets vor dem Abseits warnten, sollte der unterirdische Bahnhof nicht kommen. Nur der amtierende Ministerpräsident Kretschmann kann heimlich sagen, dass er auch schon immer dagegen war. (25.11.2016)


S 21: Kein neuer Deal mit der Bahn

Das Land Baden-Württemberg und die Stadt Stuttgart zeigen der Deutschen Bahn die kalte Schulter und wollen die sogenannte Verjährungshemmungsvereinbarung nicht unterzeichnen. Damit versuchte die Bahn eine frühzeitige Entscheidung darüber zu vermeiden, ob sie eine Beteiligung von Stadt, Land und Region an den Mehrkosten des Milliardenprojekts einklagt. Alle Partner sollten einer Verlängerung der Verjährung für mögliche Ansprüche der Bahn auf zusätzliche Gelder für Stuttgart 21 zustimmen. Für die Stadt Stuttgart schlägt die Verwaltung dem Gemeinderat vor, diese Verlängerung abzulehnen. Endgültig entschieden wird am 8. Dezember.

"Die Vertragspartner sind der Auffassung, dass die DB Bauherrin ist und dass die Vertragspartner begrenzte und vor allem freiwillige Zuwendungen gewähren", erläuterte Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) den mit der Stadt abgestimmten Standpunkt. Man werde sich "grundsätzlich auch gemeinsam gegen die Bahn verteidigen". Das Land sei mit der Stadt und der Region der Ansicht, "dass es ein falsches Signal wäre, eine Vereinbarung zu unterzeichnen, weil die Vertragspartner die Ansprüche der DB für unbegründet halten".

Hermann erwartet jetzt eine vergleichsweise schnell eingereichte Klage, aber "viel länger hätte die DB ohnehin nicht gewartet". Denn bis zu einem letztinstanzlichen Urteil würden voraussichtlich mehrere Jahre vergehen, nach der Prognose des Minister werden aber "in ungefähr drei Jahren die vertraglichen Finanzierungsbeiträge der Vertragspartner erschöpft sein". Im Finanzierungsvereinbarung zu Stuttgart 21 ist der Kostenrahmen inklusive Risikopuffer auf 4,526 Milliarden Euro begrenzt. Bei weiteren Kostensteigerungen sind, unter Nutzung der Sprechklauseln, Gespräche vorgesehen. Im März 2013 hat der DB-Aufsichtsrat den Finanzierungsrahmen auf 6,526 Milliarden Euro erhöht und zugleich die Projektpartner aufgefordert, über weitere Beiträge zu verhandeln. Das lehnen diese allerdings strikt ab. (24.11.2016)


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Ausgabe 145
Debatte

NSU: die Angst der Zeugen

Von Gastautor Hajo Funke
Datum: 08.01.2014
Die vermutlich spektakulärste Befragung im NSU-Prozess steht an: die Vernehmung des baden-württembergischen Polizisten Martin Arnold, der auf der Heilbronner Theresienwiese schwer verletzt wurde. Von ihm erwartet man Aufklärung über die noch immer ungeklärten Hintergründe dieses NSU-Anschlags. Eine Einschätzung des renommierten Rechtsextremismus-Experten Professor Hajo Funke.

Das Scheitern einer erfolgreichen Ermittlung im Fall des Mordes an der Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn ist weit über Baden-Württemberg von Bedeutung und wird in den ersten Monaten des Jahres 2014 einen öffentlichen Schwerpunkt bilden: Am 16. Januar steht Heilbronn auf der Tagesordnung des Münchener NSU-Prozesses. Mitte Februar wird bekannt gegeben, was die Ermittlungsgruppe Umfeld des baden-württembergischen Innenministers zutage gefördert hat – und was nicht. Ebenfalls im Februar werden Gremien aus den Regierungsparteien in Stuttgart erneut über die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses beraten. Auch der mediale Druck wächst, endlich von den Sicherheitsbehörden im Land mehr als nur Verlautbarungen zu empfangen, die nicht weiterführen.

Gedenkstein für die ermordete Polizisten Michèle Kiesewetter in Heilbronn. Foto: Martin Storz
Gedenkstein für die ermordete Polizisten Michèle Kiesewetter in Heilbronn. Foto: Martin Storz

Denn die Umstände des Mordanschlags auf die Polizistin Michèle Kiesewetter und den Polizisten Martin Arnold vom Nachmittag des 25. April 2007 auf der Theresienwiese in Heilbronn sind bis heute völlig ungeklärt. Die im Bericht des Landeskriminalamts an den Generalbundesanwalt enthaltenen Zeugenaussagen bieten eindrückliche Hinweise darauf, dass, anders als die Anklageschrift im Münchner Prozess gegen den NSU vorgibt, mehr Täter als nur das Trio mit der Tat zu tun haben. Unabhängig voneinander ist von mehreren Zeugen glaubwürdig beobachtet worden, dass blutverschmierte Männer vom Tatort in Richtung Süden beziehungsweise Südosten panisch geflohen sind, von mindestens zwei Autos aufgenommen wurden und mit ihnen flohen.

Warum wurden die persönlichen Mails der Polizistin nicht gesichtet?

Von diesen Zeugen wie von dem Polizisten Martin Arnold gibt es eine Reihe von Phantombildern, die auf mehr Täter verweisen. Der Journalist Thomas Moser spricht auf der Basis der vorliegenden Akten der Ermittlungsbehörden von vier bis sechs Verdächtigen und weist darüber hinaus darauf hin, dass sich auch mehrere V-Leute im zeitlichen und räumlichen Umfeld der Tat auf der Theresienwiese aufgehalten haben. Diese Indizien – immerhin auch gewichtige Ermittlungstatbestände des Landeskriminalamts Baden-Württembergs (LKA) – in der Aufklärung des Verbrechens zu negieren ist sowohl für die Aufklärungsbehörden in Baden-Württemberg wie für den Münchner Prozess riskant, wenn nicht abenteuerlich. Es gefährdet den Prozess selbst und macht ihn revisionsanfällig. In Baden-Württemberg führt es zu Misstrauen und auch Angst, dass die nicht gefassten Täter erneut zuschlagen.

Und: Warum wurde darauf verzichtet, die persönlichen Mails von Michèle Kiesewetter zu sichten? War einer der dem Ku-Klux-Klan angehörenden Polizisten aus der Einheit von Kiesewetter in Tatortnähe? Warum schweigt ihr Onkel, ein Polizist aus Thüringen, heute, nachdem er wenige Tage nach dem Mord an der jungen Frau zu Protokoll gegeben hatte, seiner Meinung nach gebe es einen Zusammenhang mit den "Türkenmorden"? Wird er bedroht und unter Druck gesetzt? Oder aber sollte er auch über seinen Dienstherrn entsprechenden Druck erhalten haben wie der Ex-Verfassungsschützer Günter Stengel aus Baden-Württemberg, als er von der Existenz des NSU 2003 erfuhr und davon berichtete?

Baden-Württemberg  der weiße Fleck

Fast sieben Jahre lang ist man dem Rätsel der Mordumstände seitens der Sicherheitsbehörden leider nicht näher gekommen. Zunächst hat man sich selbst mit einer DNA-Spur in die Irre geführt. Auch die Sonderkommission  Parkplatz ist durch mangelnden Aufklärungswillen und Kompetenzschwächen, die während des Untersuchungsausschusses des Bundestags drastisch ans Tageslicht gerieten, gescheitert. Es gibt darüber hinaus Hinweise, dass es am nötigen Ermittlungs- und Fahndungsdruck gemangelt hat. Wie kann man etwa – wie der Staatsanwalt Christoph Meyer-Manoras – zu der These gelangen, all diese Spuren seien nicht relevant, weil sie nicht auf die Spur des Trios verwiesen? Das ist keine Ermittlung, sondern Alltagsfundamentalismus: Was nicht sein soll, ist auch nicht. Oder gibt es auch hier Absprachen mit dem Verfassungsschutz, der offenkundig kein Interesse an einer wirklichen Aufklärung hat? Sonst hätte man alle vorhandenen Akten und Informationen – etwa dem Untersuchungsausschuss des Bundestags – selbstverständlich zur Verfügung gestellt. Schließlich handelt es sich um ein Kapitalverbrechen, um Mord und Mordversuch.

Entschlossen zur Aufklärung: Clemens Binninger war CDU-Obmann im NSU-Untersuchungsausschuss. Foto: Joachim E. Röttgers
Entschlossen zur Aufklärung: Clemens Binninger war CDU-Obmann im NSU-Untersuchungsausschuss. Foto: Joachim E. Röttgers

Auch die wiederholt formulierte These, Martin Arnold könne sich an nichts erinnern, die auch jüngst in der Presse gestreut worden ist, entspricht nicht der Wahrheit, sondern ist eine bewusste Lüge. Ausweislich des Ermittlungsberichts und des von ihm mit angefertigten Phantombilds kann sich der verletzte Polizist sehr wohl erinnern. Aber: Warum und vor wem muss er in Baden-Württemberg heute Angst haben, wie jedenfalls (ausgerechnet) die Sicherheitsbehörden verlauten lassen?

Schließlich hat der Umgang der Landesregierung mit der langjährigen Vertrauensperson des Landeskriminalamts, Petra S., alias Krokus, und ihrem Wissen im Bundestagsuntersuchungsausschuss quer durch die Parteien nur Kopfschütteln ausgelöst. Nicht nur, wie man mit ihr persönlich umgegangen ist. Der Ausschussvorsitzende Sebastian Edathy musste eine blockierende Landesregierung mehrfach mahnen, die angeforderten Akten überhaupt von Stuttgart nach Berlin zu schicken. Dabei galt Krokus nach internen Evaluierungen als hoch glaubwürdig. Im Kern geht es um eine Beobachtung, die nach wie vor überprüft gehört: Krokus hat den Zuständigen glaubwürdig mitgeteilt, dass es wenige Tage nach der Einlieferung des schwer verletzten Martin Arnold in ein Krankenhaus in Ludwigsburg – von regionalen Rechtsextremisten angestiftet – eine Ausspähaktion Arnolds gegeben habe, ob er sich noch an etwas erinnern könne. Dem ist nicht mit dem gebotenen Nachdruck nachgegangen worden (ausweislich der Aktenlage).

Verschlossen in der Blackbox des Verfassungsschutzes

Hinzu kommen Berichte zu Art und Ausmaß der Aktivitäten und Strategien gewaltgefährlicher neonationalsozialistisch ausgerichteter Rechtsextremer im Land Baden-Württemberg. Sie beziehen sich nicht nur auf die Hinweise, nach denen über den V-Mann Achim Schmid rechtsterroristische Organisationsansätze des rassistischen Ku-Klux-Klan angestiftet worden sind und in Polizeikreisen Anklang fanden, und das in der Einheit, in der die beiden Polizisten, die Opfer des Attentats wurden, tätig waren. Auch ein weiterer V-Mann, der vom Bundesamt und vom Bundesinnenministerium besonders geschützte Corelli, war in Baden-Württemberg und in Sachsen in der unmittelbaren Nähe des NSU aktiv. Was sie im Einzelnen trieben, mit wem sie kooperierten, welche Taten sie mit vorbereiteten oder ausführten, bleibt bis heute in der Blackbox des Verfassungsschutzes verschlossen. Mehr noch: Die vom Bundesministerium des Inneren besonders gefürchteten Aussagen Corellis hat man dadurch – jedenfalls bis heute – vermieden, dass man ihn ins westliche Ausland verbracht hat. Die Behörden nennen dies in Umkehrung des eigentlichen Sinns "Zeugenschutz" – de facto ein Schutz der Behörde vor dem Zeugen: Er soll so als Zeuge verhindert werden.

Aber selbst wenn es nicht gelänge, von ihm durch Beiziehung von Akten oder durch eine Vernehmung vor Ort im Münchner Prozess oder in einem Untersuchungsausschuss in Stuttgart Aussagen zu gewinnen, bleiben die bisher ebenfalls geheim gehaltenen Erkenntnisse der Landesbehörden für die Aktivitäten in Neonazismus interessant. Dies gilt für die Art und Weise und Reichweite der Aktivitäten des Ku-Klux-Klan wie für den zweitwichtigsten Standort des NSU: Baden-Württemberg. Es gilt für die bisher von den Behörden abgewiesene Aussage, nach der es eine Neoschutzstaffel gegeben habe. Und: Was steckt hinter der mit großem Nachdruck erforschten (und von der Expertin Ellen Esen öffentlich gemachten) Standarte Württemberg, die sich immerhin per Internet als rassistische rechtsterroristische Formation in der Tradition von Blood & Honour darstellt?

"Tiefer Staat BRD": Anti-NSU-Demo zum Prozessauftakt in München. Foto: Charlotte Moser
"Tiefer Staat BRD": Anti-NSU-Demo zum Prozessauftakt in München. Foto: Charlotte Moser

All dies muss um der Sicherheit willen aus dem Dunkel geheim gehaltener Informationen unterschiedlicher Kreise der Sicherheitsbehörden in Baden-Württemberg ans Licht der Öffentlichkeit gezogen werden. Solange der Eindruck bestehen bleiben kann, dass man hinter dem Berg hält und dies über lange Zeit, gleicht dies einer Einladung an Gewalttäter – sei es aus dem rechtsextremistischen oder organisierten Kriminalitätsbereich –, die eigenen Gewaltspielräume auszudehnen und entsprechend zum Schaden der Sicherheit aller tätig zu sein.

Parteiübergreifend ist das Verhalten der baden-württembergischen Sicherheitsbehörden vom Untersuchungsausschuss des Bundestags deswegen kritisiert worden – nicht nur vom Grünen-Obmann Wolfgang Wieland, sondern ebenso vom FDP-Obmann aus dem Remstal, Hartfried Wolff, und dem CDU-Obmann Clemens Binninger (Wahlkreis Böblingen), einem besonders ausgewiesenem Kenner der Sicherheitsbehörden in Baden-Württemberg, der damit seine eigene Partei nicht schonte. Laut der "Welt" vom 4. Januar hatte Binninger im Oktober gemahnt: "Wir haben uns im Ausschuss nur zweieinhalb Tage mit dem Fallkomplex Heilbronn beschäftigt. Da sind so viele Fragen offen geblieben. In anderen Bundesländern werden die in Untersuchungsausschüssen der Landtage geklärt." Er hat recht.

Wie prekär es um die Sicherheit in Baden-Württemberg inzwischen bestellt ist, mag auch die öffentlich zugängliche Debatte um den angeblichen "Selbstmord" eines jungen Mannes, Florian H., zeigen, der über sein Wissen zum NSU dem Landeskriminalamt berichten sollte und Stunden vorher – am 16. September 2013 – in seinem Auto verbrannt aufgefunden wurde. Die These vom Selbstmord aus Liebeskummer faktenfrei polizeilich mitzuteilen ist Ausdruck beklemmender und sicherheitsgefährlicher Unprofessionalität. Sie zeigt einen tief verankerten Aufklärungsunwillen.

Dies sind nur einige der Hinweise dafür, dass das Heilbronner Attentat wie der gewaltgefährliche Neonazismus nicht nur den investigativen Journalisten und den oft fündigen Antifa-Gruppen überlassen bleiben darf, sondern (weiter) mit dem nötigen Fahndungsdruck in Baden-Württemberg ermittelt werden sollte.

Die Zweifel gegenüber den Sicherheitsbehörden dürften sich im Zuge des Jahres 2014 aufgrund neuer Ermittlungen und neuer Entdeckungen schnell ausweiten. Das monatelange Klein-Klein zwischen dem Parlamentarier Alexander Salomon (Grüne) und dem Innenminister Reinhold Gall (SPD) darüber, welche Fragen für einen etwaigen Untersuchungsausschuss legitim seien, ist dagegen weder Ausdruck der Souveränität des Parlaments als Kontrollinstanz noch eines souverän um Aufklärung bemühten Ministers.

Der überfällige Griff zu einem Untersuchungsausschuss in Baden-Württemberg wäre jedenfalls weniger Ausdruck eines Misstrauens der einen Partei gegenüber der anderen als geradezu ein Akt der Befreiung, nun endlich der Wahrheit näher zu kommen. Er würde die wachsenden Nachfragen in der Öffentlichkeit aufgreifen, er würde dem Prozessgeschehen in München dienen. Er würde – erst recht, wenn es zu einem von allen Landtagsparteien getragenen Beschluss käme – Parteien wie die gegenwärtige Regierung sogar entlasten können. Denn er wäre ein spätes Zeichen dafür, dass man es wissen will. Er wäre aber auch der überfällige Start für eine Reform der Sicherheitsstruktur an Haupt und Gliedern.

 

Hajo Funke, 69, ist Professor der Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin und Gastprofessor am jüdisch-amerikanisch-deutschen Touro College in Berlin. Er ist Experte in Sachen Rechtsextremismus und Antisemitismus in Deutschland. Funke begleitet seit zwei Jahren die NSU-Untersuchungsausschüsse in Bund und Ländern, auch durch seine Website hajofunke.de. In Thüringen und Bayern trat der Politologe als Sachverständiger auf. Demnächst erscheint "Rechtsextremismus, Terror und die Verantwortung des Staates. Der NSU-Skandal".


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Kommentare

Hazmat, 14.01.2014 21:29
Ich schließe mich @Jutta Mertins Kommentar an. So verdienstvoll Herrn Funkes Gastbeitrag ist - Thomas Mosers akribisch recherchierte, von (tatsächlichen) Verschwörungstheorien freie, aber grundsätzlich kritisch-skeptischen Beiträge vermisse ich sehr! Tatsächlich waren sie auch für mich stets das Erste, das ich im neuen KONTEXT gelesen habe.

Ulrich Frank, 09.01.2014 19:25
Verdienstvoller Artikel zur Aufklärung und Darstellung von Zusammenhängen. Es fragt sich nur wie lange Behörden, Beamte und Minister hierzulande noch glauben sich und das Rechtssystem - welches sonst so beschworen wird - diskreditieren zu können indem sie IHREN JOB NICHT TUN und in diesen systematisch und virulent gewaltkriminellen Belangen sich der Aufklärung in den Weg stellen.

Jutta Mertins, 08.01.2014 22:10
Der Artikel macht mir wieder mal bewußt, wie schmerzlich ich die hervorragenden, investigativen Berichte von Thomas Moser vermisse. Auf seine Artikel habe ich in jeder Kontext-Ausgabe gewartet und sie als erstes gelesen.

Seit er nicht mehr für Kontext schreiben... will/kann/darf (?) drängen sich Fragen auf, kommen mir Zweifel: ist Kontext wirklich so ganz anders wie die "anderen" Medien? Mein Vertrauen in Kontext hat einen gehörigen Knax bekommen. Leider.

Bob Roberts, 08.01.2014 20:37
Danke für diese gute Zusammenfassung der skandalösen Ungereimtheiten im Zusammenhang mit den Anschlägen von Heilbronn. Ergänzend sollte noch daraufhingewiesen werden, dass investigative Berichte offensichtlich verhindert werden, wie Christian Ströbele erklärte:

” Davon, daß Beiträge von Journalisten mit Berichten zum NSU-Komplex nicht gesendet oder solche nicht gedruckt wurden, habe ich hin und wieder gehört. Den konkreten Inhalt der Beiträge kenne ich nicht. Näheres über die Gründe weiß ich auch nicht.”

http://machtelite.wordpress.com/2013/05/05/warum-setzte-wdr-5-beitrag-uber-nsu-ausschuss-ab/

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