KONTEXT Extra:
Jetzt doch ein Koalitionsausschuss zu Afghanistan

Vor Weihnachten hatten Grünen und CDU eine inhaltliche Aussprache über die Abschiebepraxis nach Afghanistan vermieden. Stattdessen wurde im Koalitionsausschuss vor allem darüber diskutiert, ob Grünen-Landeschef Oliver Hildenbrand es "schäbig" nennen darf, wenn sein CDU-Pendant, Innenminister Thomas Strobl, auch alte oder kranke Menschen abschieben will. Zur bisher einzigen Sammelabschiebung wurde ein Mann sogar aus einer Psychiatrischen Klinik geholt, dann allerdings doch nicht ins Flugzeug nach Kabul gesetzt.

Am kommenden Dienstag werden dieser und andere Fälle sowie die grundsätzliche Vorgehensweise im Koalitionsausschuss diskutiert. Die Grünen, die die Debatte durchgesetzt haben, erinnern an die geltenden Leitlinien des Landes zu Abschiebungen und Rückführungen, nach denen eine Einzelfallprüfung ohnehin zwingend ist. Bisher hatte sich Strobl gegen eine inhaltliche Behandlung der von ihm mitinitiierten verschärften Abschiebepraxis im Koalitionsausschuss ausgesprochen. Die Grünen gehen davon aus, dass die Leitlinien und damit die Einzelfallprüfung bestätigt werden.

Auf dem Tisch liegt auch ein Papier der sogenannten G-Länder, also aller Koalitionen, an denen Grüne beteiligt sind. Diesem zufolge muss gewährleistet sein, "dass Ausreisepflichtige keinen Schaden an Leben und Gesundheit nehmen". Die Regierungspartner in Baden-Württemberg, Berlin, Bremen, Hamburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen "betonen eine Reihe von Grundlinien und Anforderungen bezüglich Rückführungen nach Afghanistan". Sie fordern die Bundesregierung aber auch auf, die Sicherheitslage in Afghanistan "erneut zu überprüfen". (14.1.2017)


Ein zweites Raumwunder für Geflüchtete

Engagement kann sich lohnen. Im September hatte Kontext über die Initiative der Künstlerin Martina Geiger-Gerlach berichtet, eine Wohnung in einem zum Abriss vorgesehenen Haus im Stuttgarter Stadtteil Steckfeld monatsweise Flüchtlingen zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig finden dort immer Ausstellungen statt, die Nachbarn und Interessierten Gelegenheit geben, Künstlern und Geflüchteten zwanglos zu begegnen. Nun hat der Vermieter, das katholische Siedlungswerk, der Künstlerin eine zweite Wohnung im selben Haus als Lernwohnung zur Verfügung gestellt, damit Geflüchtete, die im Trubel ihrer Unterkunft nicht zur Ruhe kommen, eine Rückzugsmöglichkeit finden. Zudem bleibt das Haus länger stehen: voraussichtlich zwei Jahre. Dem Siedlungswerk gefällt das Projekt so gut, dass Martina Geiger-Gerlach gefragt wurde, ob sie sich vorstellen könnte, im Quartiersraum des Neubauareals an Stelle des früheren Olgahospitals eine Aufgabe zu übernehmen. Und: Ihr Wohnungs-Projekt ist für den Stuttgarter Bürgerpreis der Bürgerstiftung vorgeschlagen worden. Am 20. Januar um 19 Uhr eröffnet in der Karlshofstraße 42 in Steckfeld die nächste Ausstellung mit Gemälden von Ivan Zozulya und dem DJ Roman Levin. Am 31. Januar wird die Entscheidung zum Bürgerpreis bekannt gegeben. Jeder kann mit abstimmen!


Der Gewitterwanderer im Glück

Mitte November hatte der 33-jährige Göppinger Schriftsteller Kai Bleifuß noch geschimpft wie ein Rohrspatz. Der promovierte Goethe-Experte rackert sich seit Jahren mit Schreiben ab. Fabrizierte zuletzt einen Roman über den Dichterfürsten und wie der so wäre, würde er in unserer Zeit leben. "Goethes Mörder" heißt das gute Stück. Gutes Zeug. Guter Mann. Das weiß auch Bleifuß selbst. Kontext gegenüber machte er keinen Hehl daraus, dass er sich selbst für einen ziemlich duften Typen hält. Doch bislang schlug ihm seitens des ganzen "Literaturzirkus" und der Verlage kalter Wind entgegen. Niemand wolle mehr ein Risiko eingehen. Literatur würde immer mehr unter ökonomischen Abwägungen betrachtet, konstatierte der resolute Literaturnerd. "Schreiben ist das Idiotischste, was man machen kann. Nicht schreiben aber auch."

Ein Bleifuß lässt sich aber nicht unterkriegen – und jetzt hat es gerappelt im Karton: Am vergangenen Sonntag sackte der Göppinger für seinen Text "Fünf Variationen auf das Unsagbare" den Autorenpreis "Irseer Pegasus 2017" ein. 150 Schriftsteller aus dem ganzen Land hatten sich mit ihren Werken beworben, doch Bleifuß hat den mit 2000 Euro dotierten Preis gewonnen. Neben ihm auf dem Siegertreppchen der Preisverleihung im Kloster Irsee im Allgäu strahlte David Krause aus Kerpen.

"Der glücklose Autor hatte endlich einmal Glück!", schrieb Goethe-Glücksbärchen Bleifuß voller Freude an Kontext, mit der Bitte unseren LeserInnen mitzuteilen, dass man am 27.1. ab 21:05 Uhr im BR2 sein Hörspiel "Pinball" senden werde. Machen wir doch gerne. (11.1.2017) 


Abstand halten von den Volksverrätern

Aus 594 Wörtern haben die Sprachwissenschaftler um die Darmstädter Professorin Nina Janich das Unwort des Jahres 2016 ausgesucht: "Volksverräter". Aus dem Erbe der NS-Diktatur werde das Wort von Pegida, AfD und anderen Rechtsaußen verwendet, um PolitikerInnen  zu diffamieren. Mit der Folge, dass das "ernsthafte Gespräch" und notwendige Diskussionen in der Gesellschaft abgewürgt würden, begründet die Jury. Auf den weiteren Plätzen folgen "postfaktisch", "Populismus", "Gutmensch" sowie eine "Armlänge Abstand". Mit in der fünfköpfigen Jury saß auch Kontext-Autor Stephan Hebel. (10.1.2016)


Sichere Herkunftsstaaten: Kretschmann schon lange für längere Liste

Winfried Kretschmann hat sich mit jüngsten Äußerungen zur Einstufung von Marokko, Tunesien und Algerien als sichere Herkunftsländer derart in die Nesseln gesetzt, dass sich sein Staatsministerium zu einer "Klarstellung" aufgerufen sah. Tatsächlich handelt es sich um einen durchsichtigen Versuch der Schadensbegrenzung. Der grüne Regierungschef hatte auf Anfrage der "Rheinischen Post" in einer Stellungnahme zur aktuellen Sicherheitsdebatte erklärt: "Die kriminelle Energie, die von Gruppierungen junger Männer aus diesen Staaten ausgeht, ist bedenklich und muss mit aller Konsequenz bekämpft werden." Zugleich sprach er sich für die Aufnahme der drei Maghreb-Staaten auf die Liste sicherer Herkunftsländer aus: "Baden-Württemberg wird der Ausweitung zustimmen, sofern die Bundesregierung das Ansinnen in den Bundesrat einbringt."

Die Wirkung beider Sätze im Zusammenhang sind ihm und "meinen Leut", wie er seine engsten Mitarbeiter gern nennt, offenbar entgangen. Jedenfalls stellte "das Staatsministerium klar, dass die signalisierte Zustimmung weder aus aktuellem Anlass beschlossen wurde, noch ihre Begründung in der Gewaltbereitschaft mancher Gruppen junger Männer aus diesen Ländern hat". Vielmehr sei die Entscheidung "schon im Frühsommer 2016 nach einem langen Abwägungsprozess, in dem vor allem der Frage nachgegangen wurde, ob es angesichts der Menschenrechtssituation in den besagten Ländern vertretbar wäre, diese zu sicheren Herkunftsländern zu erklären (...), als sich die Bundesregierung dem Ministerpräsidenten gegenüber bereit erklärte, in einer Protokollerklärung festzuhalten, Personen aus sogenannten vulnerablen Gruppen wie Homosexuellen, verfolgten Journalisten, religiösen Minderheiten mit gleicher Sorgfalt zu prüfen wie Flüchtlinge aus sonstigen Ländern". Das Staatsministerium sagt allerdings nichts dazu, ob die Forderung erfüllt wurde und warum das Thema nicht längst endgültig ausgetreten ist. Denn laut dem Bundesamt für Flüchtlinge und Migration werden die drei Länder in der Statistik überhaupt nicht mehr einzeln ausgewiesen, weil die Zahl der einreisenden Asylbewerber so niedrig ist. Und bereits 2015 gehörten die drei Staaten nicht zu jenen zehn Ländern, aus denen die meisten Flüchtlinge nach Deutschland kamen. (5.1.2017)


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

Immer im Rampenlicht: Bundeskanzlerin Angela Merkel. Foto: bundesregierung.de

Immer im Rampenlicht: Bundeskanzlerin Angela Merkel. Foto: bundesregierung.de

Ausgabe 137
Debatte

Die fürsorgliche Mutter

Von Wolfgang Storz (Interview)
Datum: 13.11.2013
Warum ist Angela Merkel bei den Deutschen so beliebt? Weil sie scheinbar beliebig ist, sagen Berufskritiker. Der Freiburger Psychoanalytiker Tilmann Moser hat eine andere Antwort: Die Kanzlerin gilt als fürsorgliche Mutter, die ihren Kinder sagt, ihr müsst keine Angst haben. Auch wenn die Welt noch so bedrohlich und unübersichtlich ist.

Herr Moser, mögen bei dieser Bundestagswahl real auch nur knapp 30 Prozent der Wahlberechtigten Angela Merkel und ihre Union gewählt haben – sie gilt als eine der, wenn nicht als die überragende politische Persönlichkeit in Deutschland und in Europa. Warum?

Eine wichtige Antwort hat der Philosoph Jürgen Habermas gegeben, als er bereits Mitte der Achtzigerjahre den Begriff der "neuen Unübersichtlichkeit" geprägt hat. Wer durchschaut heute denn noch die Zustände unserer Gesellschaften? Klima-, Finanzmarkt-, Schulden-, Eurokrise ..., das ist doch eine endlos scheinende Liste. Es ist für die meisten Bürger unmöglich, das alles noch intellektuell nachzuvollziehen. Ich lese täglich eine gute Stunde überregionale Zeitungen. Gut, einen Teil der Vorgänge kann ich mir so erschließen, aber nur einen Teil. Also: Die weitaus große Mehrheit der Menschen blickt nicht mehr durch. Sie reduziert deshalb für sich sehr naheliegend diese Komplexität auf Personen und Gefühle und nimmt politische Programme schon gar nicht mehr in die Hand. Es gibt eine entscheidende Frage: Welchem Politiker vertraue ich in diesen undurchschaubaren Zeiten?

Und warum kommt da Angela Merkel heraus?

Das ist nicht nur ihre Ruhe, die sie ausstrahlt, verstärkt noch von ihrer Stimme. Es imponiert ihr Aufstieg. Erst war sie das "Mädchen von Helmut Kohl", und dann hat sie ihn im Zusammenhang mit der CDU-Spendenaffäre zur Strecke gebracht. Sie hat also gezeigt, dass sie mutig ist. Das hat sie auch in der DDR bewiesen. Es wurde ja viel recherchiert, zu gerne würde man ihr etwas vorwerfen. Aber es wurde nichts gefunden. Sie hat also unter den Bedingungen einer veritablen Diktatur Haltung gezeigt. Sie lässt sich nicht korrumpieren, sie gilt als unbestechlich. Sie ist zudem nicht eitel, sie ist echt charmant, aber auch besorgt um Deutschland. Das alles wird honoriert.

Merkels CDU erhält eine Großspende der Familie Quandt, deren Milliarden weitgehend von BMW erwirtschaftet werden. Ausgerechnet in den Wochen, in denen Kanzlerin Merkel in Brüssel dafür sorgt, dass Umweltrichtlinien zugunsten von Luxus-Automobilbauern wie BMW verwässert werden. Was ist daran unbestechlich?

Das ist in der Tat ein interessanter Punkt. Denn ich behaupte, ob Merkel als beeinflussbar oder sogar als unbestechlich gilt, darin liegt ihre Achillesferse. Viele Medien und Oppositionspolitiker sprechen das kritisch an. Aber in der Bevölkerung herrscht unverändert eine andere Interpretation vor: Merkel ist die fürsorgliche Mutter, die sich auch in einem solchen Fall nur um Wirtschaftskraft und Arbeitsplätze in Deutschland kümmert.

Die CDU-Politikerin von der Leyen ist doch auch eine fürsorgliche Mutter. Sie kann sogar eine veritable kinderreiche Familie vorweisen.

Frau von der Leyen ist im Vergleich zu ihr zu offensichtlich brillant, sie wirkt eitel, manchmal narzisstisch auftrumpfend. Sie redet zu schnell. Und sie polarisiert. Das ist ähnlich wie bei Peer Steinbrück: von schneidender Intelligenz, hyperklug, nassforsch, polarisierend, dann auch noch offen kränkbar. Er hat die Welt zu klug und zu komplex erklärt. Ich verbinde den auch noch sehr schnell redenden Steinbrück immer mit einer überpotenten Unruhe. Das ist eine ganz schlechte Mischung. Da kommt man sich als Normalbürger doch nur noch dumm vor. Ich behaupte, das alles mögen die Leute nicht: Sie mögen keine Eitelkeiten, keine verletzenden Polarisierungen, keine scharfen Aggressionen. Sie mögen uneitle und unaufgeregte Politiker, die Mut und Haltung zeigen. Und das alles wird Merkel nachgesagt.

Wie kann Merkel als eine fürsorgliche Mutter gelten, wenn sie reihenweise in ihrer Partei ihre Konkurrenten aus dem Weg räumt und die Oppositionsparteien vor lauter Angst um ihr Überleben mit ihr gar nicht koalieren wollen oder sich dazu zwingen müssen?

Das ist ein spannender Punkt: Mutter und Macht. Ich will jedoch zuerst diesen Punkt noch einmal stark machen: Merkel gilt als fürsorgliche Mutter, die ihre Kinder auch in schweren Zeiten durchbringt. Da ist übrigens eher von Vorteil, dass sie selbst keine Kinder hat. Ihre Kinder, ihre Familie, das ist das deutsche Volk. Und Mütter, die sich so fürsorglich um ihre Kinder kümmern, die werden nicht kritisiert. Vielleicht von Journalisten, die müssen das aus beruflichen Gründen tun, aber kaum von der Bevölkerung. Nun zur Machtfrage. Das lässt sich gut vereinbaren mit der Mutterrolle, wenn ein bestimmter Stil gewahrt wird. Haben Sie irgendwann einmal wirklich Blut spritzen sehen? Bei Christian Wulff, bei den Herren Koch, Oettinger, Röttgen oder zu Guttenberg? Der eine wich in die Wirtschaft aus, der andere wurde elegant nach Brüssel verschoben, der dritte und der vierte meuchelte sich jeweils selbst. Und schauen Sie mal, wie charmant sie auf internationaler Bühne mit diesen Staatsmännern umgeht, sie ins Leere laufen lässt und sie nicht selten um den Finger wickelt. Ich gestehe: Das ist ein Versuch, diese komplexe Verbindung zu erklären. Meine Antwort kann nicht alles erklären. Mutterbindungen sind letztlich Welträtsel.

Was sagt Mutter Merkel denn über die Bevölkerung, also über das deutsche Wahlvolk?

Gemessen an Wahlen und Umfragen verharrt vermutlich etwa die Hälfte der Bevölkerung in einer emotionalen Regression. Da werden in fast kindlicher Weise Urbilder der Mütterlichkeit revitalisiert, auf der Suche nach Schutz und aufgrund der Sehnsucht nach Vertrauen. Regressives Verhalten ist in der Politik immer vorhanden. Barack Obama weckte mit seinem "Yes, we can"-Charisma regressive Hoffnungen. Wie anders ist die lange Regierungszeit von Berlusconi zu erklären als mit rational und kognitiv nicht zu erklärenden Hoffnungen auf den erfolgreichen Unternehmer, der Italien retten wird. Entscheidend sind Umfang und Tendenz der kindlichen Vereinfachungen der Welt. Es gibt zwei wesentliche Faktoren, die regressives Verhalten befördern: ausgeprägte Unübersichtlichkeit und Bedrohungsgefühle. Das hat beispielsweise folgenden Effekt: Opposition und Medien heben ständig vorwurfsvoll oder anklagend die Krisen hervor. Und dann taucht Mutter Merkel auf und sagt, ihr müsst keine Angst haben. Das heißt, die Verhältnisse in dieser Welt, in der zu viel Ängstigendes im Umlauf ist, stärken die Rolle von Merkel, denn sie beruhigt, die anderen beunruhigen eher. Sie zapft diese kindlichen Gefühle an. Und die Kritiker meinen, so könnten sie Merkel schwächen, weil sie programmatisch auf ihre Fehler aufmerksam machen, welche die Krisen ja noch verschärfen. Das stimmt vermutlich. Aber Mehrheiten blicken eben aus einer ganz anderen seelischen Perspektive auf Merkel.

Sie haben gesagt, mindestens die Hälfte der Bevölkerung ist regressiv. Was macht die andere Hälfte?

Wir haben viele klugen Debatten und Auseinandersetzungen. Denken Sie nur an die vielen Talkshows. Aber das ist eine Art Dauergesums, das nicht überspielen kann, dass sich viele Bürger in Resignation von der Politik abwenden. Die Aufmerksamkeit, die Satiresendungen wie die "heute-Show" heute ernten, ist ein Indikator: Häme und Satire sind immer dann erlaubt und werden immer dann besonders goutiert, wenn sich Ohnmachtsgefühle und Gefühle mangelnder Kompetenz paaren. Nennenswerte Teile der Bevölkerung erhöhen zwar ständig ihren Bildungsgrad. Das ist geradezu vorbildlich. Jedoch: Es geht dabei fast nur um berufliche Kompetenzen. Auf der Ebene der Gesellschaftspolitik sind die biedermeierlichen Tendenzen mit Rückzügen in vermeintliche private Idyllen und hausbackene Lebensformen doch unübersehbar. Und damit der Rückzug des tiefer gehenden politischen Aufklärerischen.

Die andere Hälfte schaut also "heute-Show", liebt Biedermeier und bildet sich beruflich weiter?

Es sind zwei Welten zu erkennen: Die gesamtgesellschaftliche Ohnmacht einerseits und andererseits eine Alltagspolitik der kleinen Veränderungen. Das traditionelle Vereinsleben blüht und gedeiht, aber auch die Genossenschaftsidee, gerade im Wohnbausektor, und Flüchtlingsinitiativen. Viele Bürger sind auch aktiv, wenn es darum geht, Natur zu schützen, bessere Ernährung zu organisieren. Es gibt also eine Welt vor Ort, in der sich enorm viel tut. Die ist aber weitgehend getrennt von der Welt der sogenannten großen Politik.

Warum gibt es keine politische Gegenfigur?

Ich antworte darauf mit aller Vorsicht. Es könnte sein, dass die mit Merkel konkurrierenden Parteien das Verhältnis von Programm und Person, von Fakten und Gefühl anders austarieren müssten. Willy Brandt war erfolgreich mit einem Verheißungsprogramm: mehr Demokratie wagen. Obama war erfolgreich mit einer Verheißungstheologie. Wenn Politiker sich an 8,50 Euro Mindestlohn buchstäblich nur festklammern als Erfolgsrezept oder an 49 Prozent Spitzensteuersatz, das kann nicht funktionieren, obwohl mit diesen Punkten auch viel Gefühl verbunden ist. In der Hauptsache auf die Programmebene zu setzen, das funktioniert nicht mehr. Und noch mal: Merkel pflegt ihre mütterliche Rolle. Ihr bescheidenes Leben, einkaufen im Supermarkt, am Samstagnachmittag Kartoffelsuppe rühren, während sie mit dem Handy am Ohr den politischen Raufbold Seehofer zu besänftigen oder eine Bankenkrise in Slowenien oder Zypern zu lösen versucht. Daneben hat sie einen beruflich angesehenen, ja renommierten Mann, der ebenso bescheiden und zurückhaltend ist. Sich rund um die Uhr fürsorglich um 80 Millionen Kinder kümmern – das ist harte Arbeit an der Mutterrolle. Und sie verbindet dies mit inhaltlich passenden Positionierungen, auch wenn dabei 20 Prozent der Ärmsten fast auf der Strecke bleiben. Denken Sie an ihre Stereotype, die Politik müsse mit dem Geld so sparsam umgehen wie eine schwäbische Hausfrau. Oder ihre entlastenden Komplexitätsreduktionen, ihre Politik sei alternativlos. Allerdings hat dies Gerhard Schröder vor ihr auch schon einige Jahre praktiziert.

Und warum antworten Sie mit aller Vorsicht?

Na ja, Politik und Psychoanalyse, das ist alles andere als ein Erfolgsduo. Das Ehepaar Mitscherlich und Horst-Eberhard Richter haben Vorbildliches geleistet in der Diagnose der gesellschaftlichen Verhältnisse mit dem Besteckkasten der Psychoanalyse. Und der Preis: In der Fachwelt wurde ihnen vorgehalten, sie seien deshalb keine guten Psychotherapeuten mehr. Vielleicht waren die Hoffnungen zu groß, was Psychoanalyse für die Analyse politischer Prozesse leisten kann. Heute ist die Psychoanalyse in der Öffentlichkeit fast out. Herausragende Arbeiten von Hans-Jürgen Wirth beispielsweise über Macht und Narzissmus oder von Thomas Auchter werden außerhalb der Fachwelt leider viel zu wenig zur Kenntnis genommen. Wir als analytische Zunft haben keine Stimme mehr auf der Ebene der Gesellschaft.

Tilmann Moser, Jahrgang 1938, ist Psychoanalytiker und Körperpsychotherapeut. Er praktiziert seit 1978 in Freiburg und beschäftigt sich seit den 70ger-Jahren unter anderem mit den seelischen Spätfolgen von NS-Zeit, Krieg und repressiver Religion. 2012 erschien von ihm das Buch "Geld, Gier und Betrug. Wie unser Vertrauen missbraucht wird – Betrachtungen eines Psychoanalytikers".

Moser macht noch auf zwei Autoren aufmerksam. Thomas Auchter, Psychoanalytiker und Psychotherapeut, hat 2012 das Buch "Brennende Zeiten – Zur Psychoanalyse sozialer und politischer Konflikte" veröffentlicht, in dem er die Themenfelder Erziehung, Gewalt und Antisemitismus bearbeitet. Von Hans-Jürgen Wirth erschien 2011 das Buch "Narzissmus und Macht – Zur Psychoanalyse seelischer Störungen in der Politik", in dem er unter anderen Helmut Kohl porträtiert, den Kosovokrieg analysiert und den möglichen Nutzen der Psychoanalyse für die Politik skizziert.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?

Kommentare

Kornelia, 10.12.2013 11:08
Also ich hab mich schon gefragt:
welche frühkindlichen Störungen die Notheis/Mappus Männer haben, und in folge all jene die den Mutti-Begriff gedankenlos, diffamierend aufgriffen?
Was ist also mit den Menschheit los, die ein Problem mit Muttern haben?
Wurde Herr Kohl jemals als fürsorglicher Vater betitelt? Obwohl er mehrmals nach seiner Amtszeit noch vorgeschlagen wurde für den Friedensnobelpreis! Niemals würde man(n) von Vati Rommel, Vati Schuster reden/schreiben.....
Wann endlich werden Männer erwachsen?

Die Wähler und Frau Merkel
vielleicht sollten Man(n) sich mal fragen warum sich keine guten Gegenspieler finden?!
Weil sie zwar unter Mann den Prinzen geben können, aber nicht unter Frau?
Und wenn die SPD-Tante einen guten starken Gegenspieler aufgestellt hätten, dann wären sie eine Gefahr geworden (aber einen bekannten 1 500 000 Nebeneinkommen habenden Steinbrück, der unter Merkel gestümpert hat?)
Ja Frau Kraft wäre eine Gefahr für Merkel gewesen... nicht weil sie Mutti ist sondern weil sie Biss hat und Mut bewiesen hat (wer wollte denn die NRW-SPD?)
Nur unter diesem infantilem Männer-Gesangsverein SPD würde ich einer starken Frau nicht raten, Amt anzunehmen (Frau hat dann sofort Beisszecken im Pelz!)
Warum also eine schlechte Kopie wählen, die dann richtig viel kostet wenn mensch das Original billiger haben kann? die verspricht nix, und bricht damit auch keine Wahlversprechen!
die SPD unter Kohl, unter Schröder, unter Schmiedel war ein Desaster!


Männer können bis heute nicht mit Frauen auf gleicher Augenhöhe agieren, mit ihnen koalieren!
DA sollten sich Männer mal fragen was da bei ihnen falsch gelaufen ist! und nicht in den Zustand von Diffamierung und Projektion verfallen!

Ulrich Frank, 15.11.2013 15:13
Ein sehr schöner Artikel zum Thema Verdrängung. Hinzuzufügen wäre, daß die weitgehend zahnlos gewordenen, in Nebenbereiche luxurierenden öffentlich-rechtlichen Medien - zwangsfinanziert - dieses bescheidene Mutti-Image in ihren Gesamtduktus nahtlos integrieren. Die Bevölkerung bezahlt so in Form einer perspektivelosen Symbiose diese Märchenshow auch noch mit. Und zeigt dann z.B. Mutti Merkel beim Deutschen Lieblingskind, Fußball, anwesend und emotional mitfiebernd, bei einem Sport, der auch die öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen mittlerweile hemmungslos überwuchert und relevante Differenzen und Inhalte verdrängt.

Vera Schrader, 13.11.2013 12:04
Sehr guter Artikel.
Interesante Zusammenhänge, die definitiv neue und eigene Gedankengänge anstoßen. Mal ne ganz andere Sichtweise.
Auch wenn mir persönlich bei den Antworten etwas mehr Bestimmtheit recht wäre.
Ich denke aber auch, dass Angela Merkel ein fähiger Gegenspieler im Moment fehlt.
Ist im Moment ein bißchen wie im Schwergewichtsboxen.
Die Klitschkos stehen über den Dingen, es fehlen ihnen aber auch die Gegner.
Deutschland hat ja einige fähige Politiker.
Diese verzetteln sich jedoch in ihren Eitelkeiten oder gehören Parteien an, welche nicht den Stimmanteil genießen, welcher es erlauben würde den Kanzler zu stellen.
Der Brückenschlag mit der Psychoanalyse gefällt mir.
Die Sache mit den Weiterbildungen kann ich unterschreiben. Zähle selbst erst 28 Lenze und habe auch oft das Gefühl, das ich eine der ganz wenigen bin, welche regelmäßig Politsendungen im Fernsehen verfolgt. Dabei ist die Auswahl ja wirklich groß.
Finde es ja vorbildich, dass sich die Leute überhaupt weiterbilden.
Aber um sich ein möglichst "wirkliches" und nicht nur rein subjektives Bild machen zu können, gehört eben auch politische Bildung dazu.
Für alle die sich kurz, aber umfassend informieren möchten. Da reicht die Zeit für jeden:
http://www.nur-nachrichten.de/Angela_Merkel

Kommentar hinzufügen




CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.


* Pflichtfeld!

Letzte Kommentare:

Ausgabe 302 / Eliten mit Sehschwäche / Renate Knapper, 16.01.2017 12:10
Hallo Kontext-Redaktion, Ich finde es super, dass ihr das Thema reich/arm zum Schwerpunkt machen wollt. Und dass ihr gleich in BaWü anfangt und v.a. auch Namen nennt. Bitte weiter so!! Hoch spannend ist in meinen Augen auch die Aussage...

Ausgabe 300 / Kopp auf der Resterampe / Barolo, 16.01.2017 11:30
@R.N. volle Zustimmung.

Ausgabe 302 / Lidl lohnt sich – für einen / Schwabe, 16.01.2017 10:47
"Produktion für die Tonne" - Fakten,Fakten, Fakten Tierleid, ungesundes Essen, miese Jobs: Die Lebensmittelindustrie hat viele unschöne Gesichter. Ein besonders herausragendes Problem ist die massive Überproduktion. Riesige...

Ausgabe 302 / Hilfe für Snowdens Helfer / Michael Müller, 15.01.2017 18:07
Ich schließe mich der Frage von Herrn Struwe an. Wohin kann jemand spenden der keine Paypal/Bitcoin/Kreditkarte hat? @partisan: Verstand hat Ihre Worte nicht geformt, es muss Reflex gewesen sein. Sie hätten stattdessen auch ein...

Ausgabe 300 / Kopp auf der Resterampe / R.N., 15.01.2017 15:38
Als die Kontext-Wochenzeitung erstmals erschienen ist, habe ich mich auf eine Zeitung gefreut, die ohne offensichtlichen politischen Einfluss auskommt. Zu früh gefreut. Nach dem Lesen dieses Artikels spürt man, woher der Wind...

Ausgabe 302 / Lidl lohnt sich – für einen / Gela, 15.01.2017 13:31
2 unterschiedliche Diskusionsstile: Manfred Lieb kennt die Fakten, wertet sie und kommt dadurch zu einer differenzierten Beurteilung, was zu lobenund was zu tadeln ist. Bei der Kritik fehlt mir allerdings die an dem erpresserischen...

Ausgabe 302 / Kobra ins Körbchen / Jan, 15.01.2017 12:17
Oh man, jetzt macht dieser Lowandorder auch noch die Kontext Kommentarfunktion zu seiner Dada Bühne....

Ausgabe 302 / Oh, wie schön ist Biberach / Hartmut Hendrich, 15.01.2017 11:54
@Fritz: Danke, der Schlag sitzt und schmerzt in der Magengrube. Dass mir die Nachsilbe „er“ doppelt in ein Wort geraten war und mir nicht beim Kontrollieren vorm Absenden, aber sofort nach der Veröffentlichung auffiel, war schon...

Ausgabe 302 / Weg mit den Klammern / Blender, 14.01.2017 23:12
Ein V-Mann (diesmal vom LKA) fuhr Herrn Amri nach Berlin. Vielen Dank auch (für die weitere staatliche Unterstützung einer weiteren terroristischen Vereinigung). These: Ohne V- Männer gäbe es keinen Terrorismus?...

Ausgabe 302 / Lidl lohnt sich – für einen / Schwabe, 14.01.2017 21:10
Manfred Lieb tut so als sei der Milliardär Schwarz ein ganz normaler Steuerbürger der sich an Recht und Gesetz hält "...aber dies ist nicht einem Steuerbürger (Manfred Lieb meint damit den Milliardär Schwarz) anzulasten..." oder "Man...

Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.