KONTEXT Extra:
NSU-Prozesskosten bei etwa 50 Millionen Euro

Nach 313 Verhandlungstagen äußert sich Beate Zschäpe erstmals selbst im NSU-Prozess und gibt sich als geläutert - neue Erkenntnisse über die Morde liefert ihre Aussage allerdings nicht. Immerhin weiß die Presse nun, wie ihre Stimme klingt. Die Süddeutsche Zeitung findet: "klar, tief, weich, mit leichtem thüringischen Einschlag".

Wann der Marathonprozess (verhandelt wird seit Mai 2013) zu einem Ende kommen wird, scheint aktuell völlig unklar. Sicher ist hingegen: Mit jedem weiteren Verhandlungstag steigen die Kosten für das Verfahren. Und bald könnten diese über 50 Millionen Euro liegen. Im September 2013 sagte Karl Huber, damaliger Präsident des Oberlandesgerichts München, gegenüber dem Münchner Merkur, er schätze die Kosten des Verfahrens auf 150 000 Euro pro Verhandlungstag. Dies sei eine gewaltige Summe, "vor allem, wenn man bedenke, dass die Opfer oder Hinterbliebenen keinen einzigen Euro bekommen haben".

Eine Sprecherin des Oberlandesgerichts bestätigt gegenüber Kontext, dass sich an der Kostenschätzung "im Wesentlichen nichts geändert" habe. Somit liegen die geschätzten Kosten aktuell bei etwa knapp 47 Millionen Euro. Die Sprecherin betont allerdings, dass es bislang noch keine genaue Kalkulation gibt - diese erstelle man erst nach Abschluss des Verfahrens. Dann wird die Rechnung an den Bund gestellt. (29.9.2016)


Blitzschnell gegen die AfD

Grüne, CDU, SPD und FDP wollen mit einer blitzschnell auf den Weg gebrachten Gesetzesänderung das Ansinnen der beiden AfD-Gruppierungen unterlaufen, einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss zum  Linksextremismus in Baden-Württemberg durchzusetzen. Am kommenden Mittwoch wird der Landtag in erster und zweiter Lesung endgültig eine Änderung des Untersuchungsausschussgesetzes beschließen. Danach können weiterhin zwei Fraktionen das Minderheitenrecht zur Kontrolle von abgeschlossenem Regierungshandeln wahrnehmen, allerdings nur, wenn ihre Mitglieder nicht ein- und derselben Partei angehören. Nach der vorliegenden Tagesordnung wird die gespaltene AfD ihren Antrag unter Punkt zwei einbringen. Es folgt aber keine Abstimmung, sondern eine Überweisung an den Ständigen Ausschuss. Endgültig wird sich der Landtag am 12. Oktober mit dem Begehr befassen, mit dem unter anderem unterstellt wird, dass Linksextreme im Südwesten öffentliche Gelder bekommen. Dann ist allerdings das Gesetz geändert, und die Möglichkeit zur Antragstellung entfallen. Auch die Rechtsexperten der anderen vier Fraktionen schließen nicht aus, dass die AfD deshalb vor den Verfassungsgerichtshof zieht.


Übers Ohr gehauen

Martin Schreier war jahrelang freier Journalist und Fotograf für den Reutlinger General Anzeiger (GEA) und bekam nicht einmal den ihm zustehenden Mindestlohn. Dann hat er sich einen Anwalt genommen und sich die Kohle erstritten – Kontext hat berichtet. Am  Mittwoch, 21.9.,  um 19:30 Uhr,  berichtet der resolute Journalist zusammen mit dem ehemaligen Gewerkschaftssekretär Gerhard Manthey zum Thema „Wie Zeitungsverleger freie Journalisten übers Ohr hauen“ im Stuttgarter Clara-Zetkin-Haus. Sie werden ihre Erfahrungen teilen und erklären, wie sich Betroffene wehren können. Neben der skandalösen Tatsache, dass viele Zeitungsverlage Mindesthonorarvorgaben missachten, wehren sich nämlich viel zu wenig JournalistInnen gegen diese Zustände. (20.09.2016)


Das Schicksal der Jesidinnen in der Geißstraße

Die Stuttgarter Stiftung Geißstraße lädt für den morgigen Dienstag (20.9., 19 Uhr) zu einer Veranstaltung über "Das Schicksal der Jesidinnen". Zu Gast ist Michael Blume, der im Auftrag der Landesregierung weibliche und stark traumatisierte Opfer des IS medizinisch und psychologisch betreut hat. Im vergangenen Jahr waren 1000 Jesidinnen nach Baden-Württemberg gekommen. Blume war als Religionswissenschaftler und Referatsleiter im Staatsministerium mit der Leitung des Projekts betraut. "Eigentlich ist Michael Blume ein Beamter. Dass er in den Irak geflogen ist, um die Frauen dort rauszuholen, ist einfach eine anrührende Geschichte", erzählt Geschäftsführer Michael Kienzle. Nach dem Vortrag gibt es außerdem noch den SWR-Beitrag "Samias Rettung - Neue Heimat" zu sehen - ein Film über eine junge Jesidin in einem Flüchtlingslager im Nordirak. (19.9.2016)


Demo wie zu besten Zeiten

Stuttgart lebt – wie einst zu den Hochzeiten von S 21. Wie der BUND meldet, waren 40 000 Demonstranten auf den Beinen, um gegen TTIP und CETA zu protestieren. 320 000 seien es insgesamt in sieben deutschen Städten gewesen. Viele Junge dabei, viele Organisatoren, die aufgerufen haben, von Attac über den BUND, Gewerkschaften, Menschenrechtler, Friedensfreunde, Wohlfahrtsverbände bis zu Kirchen. Sogar fünf SPD-Fähnchen waren zu sehen. Und: Die Demo hat endlich mal wieder Laune gemacht. Auch dank Körpa Klauz ("Widerstand muss Spaß machen"), der auf der Bühne den Einheizer gab.

Artikel zu TTIP und CETA in der aktuellen Kontext:

Bundesweite Demos

Die Fronten bröckeln

Stolperstein CETA

Mehr dazu in der kommenden Kontext-Ausgabe.


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Immer im Rampenlicht: Bundeskanzlerin Angela Merkel. Foto: bundesregierung.de

Immer im Rampenlicht: Bundeskanzlerin Angela Merkel. Foto: bundesregierung.de

Ausgabe 137
Debatte

Die fürsorgliche Mutter

Von Wolfgang Storz (Interview)
Datum: 13.11.2013
Warum ist Angela Merkel bei den Deutschen so beliebt? Weil sie scheinbar beliebig ist, sagen Berufskritiker. Der Freiburger Psychoanalytiker Tilmann Moser hat eine andere Antwort: Die Kanzlerin gilt als fürsorgliche Mutter, die ihren Kinder sagt, ihr müsst keine Angst haben. Auch wenn die Welt noch so bedrohlich und unübersichtlich ist.

Herr Moser, mögen bei dieser Bundestagswahl real auch nur knapp 30 Prozent der Wahlberechtigten Angela Merkel und ihre Union gewählt haben – sie gilt als eine der, wenn nicht als die überragende politische Persönlichkeit in Deutschland und in Europa. Warum?

Eine wichtige Antwort hat der Philosoph Jürgen Habermas gegeben, als er bereits Mitte der Achtzigerjahre den Begriff der "neuen Unübersichtlichkeit" geprägt hat. Wer durchschaut heute denn noch die Zustände unserer Gesellschaften? Klima-, Finanzmarkt-, Schulden-, Eurokrise ..., das ist doch eine endlos scheinende Liste. Es ist für die meisten Bürger unmöglich, das alles noch intellektuell nachzuvollziehen. Ich lese täglich eine gute Stunde überregionale Zeitungen. Gut, einen Teil der Vorgänge kann ich mir so erschließen, aber nur einen Teil. Also: Die weitaus große Mehrheit der Menschen blickt nicht mehr durch. Sie reduziert deshalb für sich sehr naheliegend diese Komplexität auf Personen und Gefühle und nimmt politische Programme schon gar nicht mehr in die Hand. Es gibt eine entscheidende Frage: Welchem Politiker vertraue ich in diesen undurchschaubaren Zeiten?

Und warum kommt da Angela Merkel heraus?

Das ist nicht nur ihre Ruhe, die sie ausstrahlt, verstärkt noch von ihrer Stimme. Es imponiert ihr Aufstieg. Erst war sie das "Mädchen von Helmut Kohl", und dann hat sie ihn im Zusammenhang mit der CDU-Spendenaffäre zur Strecke gebracht. Sie hat also gezeigt, dass sie mutig ist. Das hat sie auch in der DDR bewiesen. Es wurde ja viel recherchiert, zu gerne würde man ihr etwas vorwerfen. Aber es wurde nichts gefunden. Sie hat also unter den Bedingungen einer veritablen Diktatur Haltung gezeigt. Sie lässt sich nicht korrumpieren, sie gilt als unbestechlich. Sie ist zudem nicht eitel, sie ist echt charmant, aber auch besorgt um Deutschland. Das alles wird honoriert.

Merkels CDU erhält eine Großspende der Familie Quandt, deren Milliarden weitgehend von BMW erwirtschaftet werden. Ausgerechnet in den Wochen, in denen Kanzlerin Merkel in Brüssel dafür sorgt, dass Umweltrichtlinien zugunsten von Luxus-Automobilbauern wie BMW verwässert werden. Was ist daran unbestechlich?

Das ist in der Tat ein interessanter Punkt. Denn ich behaupte, ob Merkel als beeinflussbar oder sogar als unbestechlich gilt, darin liegt ihre Achillesferse. Viele Medien und Oppositionspolitiker sprechen das kritisch an. Aber in der Bevölkerung herrscht unverändert eine andere Interpretation vor: Merkel ist die fürsorgliche Mutter, die sich auch in einem solchen Fall nur um Wirtschaftskraft und Arbeitsplätze in Deutschland kümmert.

Die CDU-Politikerin von der Leyen ist doch auch eine fürsorgliche Mutter. Sie kann sogar eine veritable kinderreiche Familie vorweisen.

Frau von der Leyen ist im Vergleich zu ihr zu offensichtlich brillant, sie wirkt eitel, manchmal narzisstisch auftrumpfend. Sie redet zu schnell. Und sie polarisiert. Das ist ähnlich wie bei Peer Steinbrück: von schneidender Intelligenz, hyperklug, nassforsch, polarisierend, dann auch noch offen kränkbar. Er hat die Welt zu klug und zu komplex erklärt. Ich verbinde den auch noch sehr schnell redenden Steinbrück immer mit einer überpotenten Unruhe. Das ist eine ganz schlechte Mischung. Da kommt man sich als Normalbürger doch nur noch dumm vor. Ich behaupte, das alles mögen die Leute nicht: Sie mögen keine Eitelkeiten, keine verletzenden Polarisierungen, keine scharfen Aggressionen. Sie mögen uneitle und unaufgeregte Politiker, die Mut und Haltung zeigen. Und das alles wird Merkel nachgesagt.

Wie kann Merkel als eine fürsorgliche Mutter gelten, wenn sie reihenweise in ihrer Partei ihre Konkurrenten aus dem Weg räumt und die Oppositionsparteien vor lauter Angst um ihr Überleben mit ihr gar nicht koalieren wollen oder sich dazu zwingen müssen?

Das ist ein spannender Punkt: Mutter und Macht. Ich will jedoch zuerst diesen Punkt noch einmal stark machen: Merkel gilt als fürsorgliche Mutter, die ihre Kinder auch in schweren Zeiten durchbringt. Da ist übrigens eher von Vorteil, dass sie selbst keine Kinder hat. Ihre Kinder, ihre Familie, das ist das deutsche Volk. Und Mütter, die sich so fürsorglich um ihre Kinder kümmern, die werden nicht kritisiert. Vielleicht von Journalisten, die müssen das aus beruflichen Gründen tun, aber kaum von der Bevölkerung. Nun zur Machtfrage. Das lässt sich gut vereinbaren mit der Mutterrolle, wenn ein bestimmter Stil gewahrt wird. Haben Sie irgendwann einmal wirklich Blut spritzen sehen? Bei Christian Wulff, bei den Herren Koch, Oettinger, Röttgen oder zu Guttenberg? Der eine wich in die Wirtschaft aus, der andere wurde elegant nach Brüssel verschoben, der dritte und der vierte meuchelte sich jeweils selbst. Und schauen Sie mal, wie charmant sie auf internationaler Bühne mit diesen Staatsmännern umgeht, sie ins Leere laufen lässt und sie nicht selten um den Finger wickelt. Ich gestehe: Das ist ein Versuch, diese komplexe Verbindung zu erklären. Meine Antwort kann nicht alles erklären. Mutterbindungen sind letztlich Welträtsel.

Was sagt Mutter Merkel denn über die Bevölkerung, also über das deutsche Wahlvolk?

Gemessen an Wahlen und Umfragen verharrt vermutlich etwa die Hälfte der Bevölkerung in einer emotionalen Regression. Da werden in fast kindlicher Weise Urbilder der Mütterlichkeit revitalisiert, auf der Suche nach Schutz und aufgrund der Sehnsucht nach Vertrauen. Regressives Verhalten ist in der Politik immer vorhanden. Barack Obama weckte mit seinem "Yes, we can"-Charisma regressive Hoffnungen. Wie anders ist die lange Regierungszeit von Berlusconi zu erklären als mit rational und kognitiv nicht zu erklärenden Hoffnungen auf den erfolgreichen Unternehmer, der Italien retten wird. Entscheidend sind Umfang und Tendenz der kindlichen Vereinfachungen der Welt. Es gibt zwei wesentliche Faktoren, die regressives Verhalten befördern: ausgeprägte Unübersichtlichkeit und Bedrohungsgefühle. Das hat beispielsweise folgenden Effekt: Opposition und Medien heben ständig vorwurfsvoll oder anklagend die Krisen hervor. Und dann taucht Mutter Merkel auf und sagt, ihr müsst keine Angst haben. Das heißt, die Verhältnisse in dieser Welt, in der zu viel Ängstigendes im Umlauf ist, stärken die Rolle von Merkel, denn sie beruhigt, die anderen beunruhigen eher. Sie zapft diese kindlichen Gefühle an. Und die Kritiker meinen, so könnten sie Merkel schwächen, weil sie programmatisch auf ihre Fehler aufmerksam machen, welche die Krisen ja noch verschärfen. Das stimmt vermutlich. Aber Mehrheiten blicken eben aus einer ganz anderen seelischen Perspektive auf Merkel.

Sie haben gesagt, mindestens die Hälfte der Bevölkerung ist regressiv. Was macht die andere Hälfte?

Wir haben viele klugen Debatten und Auseinandersetzungen. Denken Sie nur an die vielen Talkshows. Aber das ist eine Art Dauergesums, das nicht überspielen kann, dass sich viele Bürger in Resignation von der Politik abwenden. Die Aufmerksamkeit, die Satiresendungen wie die "heute-Show" heute ernten, ist ein Indikator: Häme und Satire sind immer dann erlaubt und werden immer dann besonders goutiert, wenn sich Ohnmachtsgefühle und Gefühle mangelnder Kompetenz paaren. Nennenswerte Teile der Bevölkerung erhöhen zwar ständig ihren Bildungsgrad. Das ist geradezu vorbildlich. Jedoch: Es geht dabei fast nur um berufliche Kompetenzen. Auf der Ebene der Gesellschaftspolitik sind die biedermeierlichen Tendenzen mit Rückzügen in vermeintliche private Idyllen und hausbackene Lebensformen doch unübersehbar. Und damit der Rückzug des tiefer gehenden politischen Aufklärerischen.

Die andere Hälfte schaut also "heute-Show", liebt Biedermeier und bildet sich beruflich weiter?

Es sind zwei Welten zu erkennen: Die gesamtgesellschaftliche Ohnmacht einerseits und andererseits eine Alltagspolitik der kleinen Veränderungen. Das traditionelle Vereinsleben blüht und gedeiht, aber auch die Genossenschaftsidee, gerade im Wohnbausektor, und Flüchtlingsinitiativen. Viele Bürger sind auch aktiv, wenn es darum geht, Natur zu schützen, bessere Ernährung zu organisieren. Es gibt also eine Welt vor Ort, in der sich enorm viel tut. Die ist aber weitgehend getrennt von der Welt der sogenannten großen Politik.

Warum gibt es keine politische Gegenfigur?

Ich antworte darauf mit aller Vorsicht. Es könnte sein, dass die mit Merkel konkurrierenden Parteien das Verhältnis von Programm und Person, von Fakten und Gefühl anders austarieren müssten. Willy Brandt war erfolgreich mit einem Verheißungsprogramm: mehr Demokratie wagen. Obama war erfolgreich mit einer Verheißungstheologie. Wenn Politiker sich an 8,50 Euro Mindestlohn buchstäblich nur festklammern als Erfolgsrezept oder an 49 Prozent Spitzensteuersatz, das kann nicht funktionieren, obwohl mit diesen Punkten auch viel Gefühl verbunden ist. In der Hauptsache auf die Programmebene zu setzen, das funktioniert nicht mehr. Und noch mal: Merkel pflegt ihre mütterliche Rolle. Ihr bescheidenes Leben, einkaufen im Supermarkt, am Samstagnachmittag Kartoffelsuppe rühren, während sie mit dem Handy am Ohr den politischen Raufbold Seehofer zu besänftigen oder eine Bankenkrise in Slowenien oder Zypern zu lösen versucht. Daneben hat sie einen beruflich angesehenen, ja renommierten Mann, der ebenso bescheiden und zurückhaltend ist. Sich rund um die Uhr fürsorglich um 80 Millionen Kinder kümmern – das ist harte Arbeit an der Mutterrolle. Und sie verbindet dies mit inhaltlich passenden Positionierungen, auch wenn dabei 20 Prozent der Ärmsten fast auf der Strecke bleiben. Denken Sie an ihre Stereotype, die Politik müsse mit dem Geld so sparsam umgehen wie eine schwäbische Hausfrau. Oder ihre entlastenden Komplexitätsreduktionen, ihre Politik sei alternativlos. Allerdings hat dies Gerhard Schröder vor ihr auch schon einige Jahre praktiziert.

Und warum antworten Sie mit aller Vorsicht?

Na ja, Politik und Psychoanalyse, das ist alles andere als ein Erfolgsduo. Das Ehepaar Mitscherlich und Horst-Eberhard Richter haben Vorbildliches geleistet in der Diagnose der gesellschaftlichen Verhältnisse mit dem Besteckkasten der Psychoanalyse. Und der Preis: In der Fachwelt wurde ihnen vorgehalten, sie seien deshalb keine guten Psychotherapeuten mehr. Vielleicht waren die Hoffnungen zu groß, was Psychoanalyse für die Analyse politischer Prozesse leisten kann. Heute ist die Psychoanalyse in der Öffentlichkeit fast out. Herausragende Arbeiten von Hans-Jürgen Wirth beispielsweise über Macht und Narzissmus oder von Thomas Auchter werden außerhalb der Fachwelt leider viel zu wenig zur Kenntnis genommen. Wir als analytische Zunft haben keine Stimme mehr auf der Ebene der Gesellschaft.

Tilmann Moser, Jahrgang 1938, ist Psychoanalytiker und Körperpsychotherapeut. Er praktiziert seit 1978 in Freiburg und beschäftigt sich seit den 70ger-Jahren unter anderem mit den seelischen Spätfolgen von NS-Zeit, Krieg und repressiver Religion. 2012 erschien von ihm das Buch "Geld, Gier und Betrug. Wie unser Vertrauen missbraucht wird – Betrachtungen eines Psychoanalytikers".

Moser macht noch auf zwei Autoren aufmerksam. Thomas Auchter, Psychoanalytiker und Psychotherapeut, hat 2012 das Buch "Brennende Zeiten – Zur Psychoanalyse sozialer und politischer Konflikte" veröffentlicht, in dem er die Themenfelder Erziehung, Gewalt und Antisemitismus bearbeitet. Von Hans-Jürgen Wirth erschien 2011 das Buch "Narzissmus und Macht – Zur Psychoanalyse seelischer Störungen in der Politik", in dem er unter anderen Helmut Kohl porträtiert, den Kosovokrieg analysiert und den möglichen Nutzen der Psychoanalyse für die Politik skizziert.


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Kommentare

Kornelia, 10.12.2013 11:08
Also ich hab mich schon gefragt:
welche frühkindlichen Störungen die Notheis/Mappus Männer haben, und in folge all jene die den Mutti-Begriff gedankenlos, diffamierend aufgriffen?
Was ist also mit den Menschheit los, die ein Problem mit Muttern haben?
Wurde Herr Kohl jemals als fürsorglicher Vater betitelt? Obwohl er mehrmals nach seiner Amtszeit noch vorgeschlagen wurde für den Friedensnobelpreis! Niemals würde man(n) von Vati Rommel, Vati Schuster reden/schreiben.....
Wann endlich werden Männer erwachsen?

Die Wähler und Frau Merkel
vielleicht sollten Man(n) sich mal fragen warum sich keine guten Gegenspieler finden?!
Weil sie zwar unter Mann den Prinzen geben können, aber nicht unter Frau?
Und wenn die SPD-Tante einen guten starken Gegenspieler aufgestellt hätten, dann wären sie eine Gefahr geworden (aber einen bekannten 1 500 000 Nebeneinkommen habenden Steinbrück, der unter Merkel gestümpert hat?)
Ja Frau Kraft wäre eine Gefahr für Merkel gewesen... nicht weil sie Mutti ist sondern weil sie Biss hat und Mut bewiesen hat (wer wollte denn die NRW-SPD?)
Nur unter diesem infantilem Männer-Gesangsverein SPD würde ich einer starken Frau nicht raten, Amt anzunehmen (Frau hat dann sofort Beisszecken im Pelz!)
Warum also eine schlechte Kopie wählen, die dann richtig viel kostet wenn mensch das Original billiger haben kann? die verspricht nix, und bricht damit auch keine Wahlversprechen!
die SPD unter Kohl, unter Schröder, unter Schmiedel war ein Desaster!


Männer können bis heute nicht mit Frauen auf gleicher Augenhöhe agieren, mit ihnen koalieren!
DA sollten sich Männer mal fragen was da bei ihnen falsch gelaufen ist! und nicht in den Zustand von Diffamierung und Projektion verfallen!

Ulrich Frank, 15.11.2013 15:13
Ein sehr schöner Artikel zum Thema Verdrängung. Hinzuzufügen wäre, daß die weitgehend zahnlos gewordenen, in Nebenbereiche luxurierenden öffentlich-rechtlichen Medien - zwangsfinanziert - dieses bescheidene Mutti-Image in ihren Gesamtduktus nahtlos integrieren. Die Bevölkerung bezahlt so in Form einer perspektivelosen Symbiose diese Märchenshow auch noch mit. Und zeigt dann z.B. Mutti Merkel beim Deutschen Lieblingskind, Fußball, anwesend und emotional mitfiebernd, bei einem Sport, der auch die öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen mittlerweile hemmungslos überwuchert und relevante Differenzen und Inhalte verdrängt.

Vera Schrader, 13.11.2013 12:04
Sehr guter Artikel.
Interesante Zusammenhänge, die definitiv neue und eigene Gedankengänge anstoßen. Mal ne ganz andere Sichtweise.
Auch wenn mir persönlich bei den Antworten etwas mehr Bestimmtheit recht wäre.
Ich denke aber auch, dass Angela Merkel ein fähiger Gegenspieler im Moment fehlt.
Ist im Moment ein bißchen wie im Schwergewichtsboxen.
Die Klitschkos stehen über den Dingen, es fehlen ihnen aber auch die Gegner.
Deutschland hat ja einige fähige Politiker.
Diese verzetteln sich jedoch in ihren Eitelkeiten oder gehören Parteien an, welche nicht den Stimmanteil genießen, welcher es erlauben würde den Kanzler zu stellen.
Der Brückenschlag mit der Psychoanalyse gefällt mir.
Die Sache mit den Weiterbildungen kann ich unterschreiben. Zähle selbst erst 28 Lenze und habe auch oft das Gefühl, das ich eine der ganz wenigen bin, welche regelmäßig Politsendungen im Fernsehen verfolgt. Dabei ist die Auswahl ja wirklich groß.
Finde es ja vorbildich, dass sich die Leute überhaupt weiterbilden.
Aber um sich ein möglichst "wirkliches" und nicht nur rein subjektives Bild machen zu können, gehört eben auch politische Bildung dazu.
Für alle die sich kurz, aber umfassend informieren möchten. Da reicht die Zeit für jeden:
http://www.nur-nachrichten.de/Angela_Merkel

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Ausgabe 287 / Holy Hooligans / Zaininger, 29.09.2016 00:29
Danke für den Bericht. Da weiß man doch wenigstens, was für Armeen von Betern und Knalltüten auf Gottes Acker so unterwegs sind und sich für allerlei Unsinn erwecken lassen.

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