KONTEXT Extra:
Korntal: Opfervertreter verlangen mehr Engagement der Landeskirche

Die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der evangelischen Brüdergemeinde Korntal ist unterbrochen. Die Opfervertreter verlangen einstimmig, dass sich Frank Otfried July endlich entscheidend einbringt. "Wir werden nicht mehr mit den Brüdern sprechen", so Netzwerk-Sprecher Detlev Zander. Jetzt müsse "der Oberhirte, also der Bischof, ran". Im Betroffenen-Netzwerk organisiert, werfen mehr als 300 ehemalige Heimkinder der Brüdergemeinde vor, in den 1950er- bis 1980er-Jahren in deren zwei Einrichtungen sexuell missbraucht, misshandelt und gedemütigt worden zu sein.

Dass mehr Engagement von July gefordert wird, ist nicht neu. Im Sommer 2016 hatte einer der Betroffenen in einem langen Schreiben an den Landesbischof appelliert: "Die Kir¬che ist mit in der Verantwortung und wenn Sie als Oberhirte weiter schweigen, machen Sie sich persönlich schuldig. Die Heimopfer warten auf ein klärendes Wort von Ihnen." Denn die Korntaler Fürsorge habe "einen menschlichen Scherbenhaufen hinterlassen". (20.02.2017)


NSU-Ausschuss will weitere Akten

Der zweite parlamentarische Untersuchungsausschuss zum "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) geht auf die Suche nach zusätzlichen Akten, um dessen Verbindungen nach Baden-Württemberg besser auszuleuchten. Die Abgeordneten meinen, beim Generalbundesanwalt und/oder im Bundesamt für Verfassungsschutz fündig werden zu können. Beauftragt ist Bernd von Heintschel-Heinegg. Der Rechtswissenschaftler war schon für den ersten Ausschuss des Landtags und als Sonderermittler auch für den Bundestag tätig.

Zurückgestellt wurde in diesem Zusammenhang die Ladung von Mike Markus Friedel. Vor allem der NSU-Experte Hajo Funke hatte immer wieder darauf gedrängt, dass der gebürtige Sachse gehört wird. Dessen Name stand auf der sogenannten Garagenliste, die 1998 in Jena sichergestellt, aber erst mit großer zeitlicher Verzögerung detailliert ausgewertet wurde. Vor fast zwanzig Jahren zog er nach Heilbronn. "Markus Friedel war mit 'Erbse' (V-Mann), Torsten Ogertschnig, zusammen im Ländle im Gefängnis", schreibt Funke. Und von Friedel habe "Erbse" seine Kenntnisse über den NSU und Mundlos.

Bei einer Veranstaltung der "Anstifter" im Stuttgarter Kunstverein hat Rainer Nübel, der im ersten Ausschuss als Sachverständiger aufgetreten war, erneut von den Abgeordneten verlangt, sich ernsthafter mit der Anwesenheit ausländischer Geheimdienste am 25. April 2007 in Heilbronn zu befassen. An diesem Tag waren die Polizistin Michèle Kiesewetter ermordet und ihr Kollege Martin Arnold schwer verletzt worden. Der zweite Ausschuss hat bereits mehrere Zeugen vernommen. Jetzt ist ein Bericht beim Bundesnachrichtendienst angefordert.

Die nächste Ausschusssitzung beginnt am Freitag, den 24. Februar, um 9.30 Uhr im Landtag. Zwei Kriminalbeamtinnen sollen Auskünfte über die rechte Szene geben und die Verbindungen des NSU in den Südwesten. Geladen sind außerdem drei Zeuginnen, die Kontakt zu Beate Zschäpe gehabt haben sollen.

Auch die weiteren Sitzungstermine bis zur parlamentarischen Sommerpause sind festgelegt: 20. März, 28. April, 15. Mai, 19. Juni und der 17. Juli 2017.

Mehr zum Thema: "Geheimdienste im Fokus", "Eh-wurscht-Akten" 


WKZ liest mit

Anfang Januar hatte der Waiblinger Lokalhistoriker und Anstifter Ebbe Koegel sich darüber beschwert, dass das Land dem Firmengründer Andreas Stihl eine Kunstmedaille gewidmet hat. "Andreas Stihl war ein überzeugter Nazi, NSDAP-Mitglied seit 1933, seit 1935 SS-Mitglied mit dem Rang eines Hauptsturmführers (seit 1939)", schrieb er an Finanzministerin Edith Sitzmann. Die Waiblinger Kreiszeitung (WKZ) schwieg dazu - bis Kontext den Fall am 25. Januar aufgriff. Nun erschien am 11. Februar ein zweiseitiges Extra mit ausdrücklichem Bezug auf den Kontext-Artikel. Der Redakteur Peter Schwarz zitiert darin aus der 100-seitigen Entnazifizierungsakte. Die beiden Kinder Stihls, der langjährige IHK-Präsident Hans Peter Stihl und seine Schwester Eva Mayr-Stihl wurden befragt. Die Recherche ergibt, wie die WKZ selbst schreibt, ein "außerordentlich schillerndes Bild."

Der Redakteur zitiert mehrere Fremdarbeiter - den Begriff Zwangsarbeiter meidet er - die sich im Verfahren positiv über Stihl geäußert haben. Ein Slowake berichtet, Stihl habe einem Freund geholfen zu fliehen, der sich den Partisanen anschließen wollte. Ein Jugoslawe meinte, der Patriarch habe sich "mit großer Empörung geäußert über die Gemeinheit und den Terror des dritten Reiches", ein Holländer, er habe "gelitten, als er sehen musste, wie schmutzig dieses System war, und konnte doch nicht mehr von demselben weg." Der Betriebsrat sagte dagegen aus, Stihl sei "100 Prozent Nationalsozialist" gewesen, habe "mehrere seiner Lehrlinge zum Eintritt in die SS" bewogen und Regimekritiker als "Eiterbeulen" bezeichnet, denen er "in die Fresse" schlagen wolle. (16.2.2017)


Wüstenjubiläum: Fünf Jahre Parkräumung

Vor genau fünf Jahren, am 14. Februar 2012, räumten rund 2500 Polizeibeamte das Protestcamp der Stuttgart-21-Gegner im Mittleren Schlossgarten. Drei Tage später waren rund 180 teils bis zu 300 Jahre alte Bäume gefällt oder (ein kleiner Teil der jüngeren) verpflanzt, und einer der ehemals schönsten innerstädtischen Parks Deutschlands hatte sich in eine Schlammwüste verwandelt.

Zum fünften Jahrestag der Parkräumung wollen die Parkschützer am heutigen Dienstag daran erinnern, mit einer Versammlung und Kundgebung an der Lusthausruine im Mittleren Schlossgarten um 17 Uhr. Es soll Reden, Musik und Gedichte geben, anschließend einen Demozug durch die Königstraße.

Kontext hat damals mit einer Reportage von der Parkräumung berichtet – und danach immer wieder von der erstaunlich langen Untätigkeit oder auch von Baufortschritt vorgaukelnden Alibi-Arbeiten. (14.2.2017)


Jörg Meuthen weiter an Björn Höckes Seite

Im vergangenen Sommer hatte der AfD-Rechtsaußen Björn Höcke seinen Bundesparteichef als "meinen verehrten Freund" begrüßt. Und Jörg Meuthen rückte sich selbst, auf dem Kyffhäuser-Treffen, zu dem ihn die Ultras geladen hatte, in die Nähe der besonders weit rechts stehenden parteiinternen Gruppierung "Der Flügel": Er wolle gar nicht als liberaler Kopf der Partei bezeichnet werden, sondern er stehe für "ein gemeinsames Wertefundament". Da hatte Höcke gerade alle anderen Parteien in Deutschland für "inhaltlich entartet" erklärt. Der Schulterschluss hält auch aktuell: Meuthen stellt sich gegen den Rausschmiss, den – wie am Montag bekannt wurde – der Bundesvorstand gegen den Thüringer Landes- und Fraktionschef anstrengt.

Nicht zum ersten Mal. Denn Höcke sollte 2015 schon einmal mit einem Verfahren überzogen werden. Da ging es ebenfalls um eine rassistische Rede, um Aussagen wie, man könne "nicht jedes einzelne NPD-Mitglied als extremistisch einstufen" und um den Vorwurf, Höcke schreibe unter Pseudonym für NPD-Publikationen. Meuthen äußerte sich reichlich schwammig, nahm für sich in Anspruch "als erster aus dem Bundesvorstand scharf reagiert zu haben". Zugleich erklärte er allerdings, dass Höckes "Äußerungen ohne weiteres als rassistisch interpretiert werden können – wobei man darüber diskutieren kann, ob sie es tatsächlich sind". Hans-Olaf Henkel, damals noch AfD-Mitglied, konterte unmissverständlich: "Herr Meuthen ist für mich ein klassischer Schattenboxer." Nach außen tue er immer wieder so, als würde er sich gegen den rechtsnationalen Flügel stellen, nach innen agiere er völlig anders. (13.2.2017)


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Immer im Rampenlicht: Bundeskanzlerin Angela Merkel. Foto: bundesregierung.de

Immer im Rampenlicht: Bundeskanzlerin Angela Merkel. Foto: bundesregierung.de

Ausgabe 137
Debatte

Die fürsorgliche Mutter

Von Wolfgang Storz (Interview)
Datum: 13.11.2013
Warum ist Angela Merkel bei den Deutschen so beliebt? Weil sie scheinbar beliebig ist, sagen Berufskritiker. Der Freiburger Psychoanalytiker Tilmann Moser hat eine andere Antwort: Die Kanzlerin gilt als fürsorgliche Mutter, die ihren Kinder sagt, ihr müsst keine Angst haben. Auch wenn die Welt noch so bedrohlich und unübersichtlich ist.

Herr Moser, mögen bei dieser Bundestagswahl real auch nur knapp 30 Prozent der Wahlberechtigten Angela Merkel und ihre Union gewählt haben – sie gilt als eine der, wenn nicht als die überragende politische Persönlichkeit in Deutschland und in Europa. Warum?

Eine wichtige Antwort hat der Philosoph Jürgen Habermas gegeben, als er bereits Mitte der Achtzigerjahre den Begriff der "neuen Unübersichtlichkeit" geprägt hat. Wer durchschaut heute denn noch die Zustände unserer Gesellschaften? Klima-, Finanzmarkt-, Schulden-, Eurokrise ..., das ist doch eine endlos scheinende Liste. Es ist für die meisten Bürger unmöglich, das alles noch intellektuell nachzuvollziehen. Ich lese täglich eine gute Stunde überregionale Zeitungen. Gut, einen Teil der Vorgänge kann ich mir so erschließen, aber nur einen Teil. Also: Die weitaus große Mehrheit der Menschen blickt nicht mehr durch. Sie reduziert deshalb für sich sehr naheliegend diese Komplexität auf Personen und Gefühle und nimmt politische Programme schon gar nicht mehr in die Hand. Es gibt eine entscheidende Frage: Welchem Politiker vertraue ich in diesen undurchschaubaren Zeiten?

Und warum kommt da Angela Merkel heraus?

Das ist nicht nur ihre Ruhe, die sie ausstrahlt, verstärkt noch von ihrer Stimme. Es imponiert ihr Aufstieg. Erst war sie das "Mädchen von Helmut Kohl", und dann hat sie ihn im Zusammenhang mit der CDU-Spendenaffäre zur Strecke gebracht. Sie hat also gezeigt, dass sie mutig ist. Das hat sie auch in der DDR bewiesen. Es wurde ja viel recherchiert, zu gerne würde man ihr etwas vorwerfen. Aber es wurde nichts gefunden. Sie hat also unter den Bedingungen einer veritablen Diktatur Haltung gezeigt. Sie lässt sich nicht korrumpieren, sie gilt als unbestechlich. Sie ist zudem nicht eitel, sie ist echt charmant, aber auch besorgt um Deutschland. Das alles wird honoriert.

Merkels CDU erhält eine Großspende der Familie Quandt, deren Milliarden weitgehend von BMW erwirtschaftet werden. Ausgerechnet in den Wochen, in denen Kanzlerin Merkel in Brüssel dafür sorgt, dass Umweltrichtlinien zugunsten von Luxus-Automobilbauern wie BMW verwässert werden. Was ist daran unbestechlich?

Das ist in der Tat ein interessanter Punkt. Denn ich behaupte, ob Merkel als beeinflussbar oder sogar als unbestechlich gilt, darin liegt ihre Achillesferse. Viele Medien und Oppositionspolitiker sprechen das kritisch an. Aber in der Bevölkerung herrscht unverändert eine andere Interpretation vor: Merkel ist die fürsorgliche Mutter, die sich auch in einem solchen Fall nur um Wirtschaftskraft und Arbeitsplätze in Deutschland kümmert.

Die CDU-Politikerin von der Leyen ist doch auch eine fürsorgliche Mutter. Sie kann sogar eine veritable kinderreiche Familie vorweisen.

Frau von der Leyen ist im Vergleich zu ihr zu offensichtlich brillant, sie wirkt eitel, manchmal narzisstisch auftrumpfend. Sie redet zu schnell. Und sie polarisiert. Das ist ähnlich wie bei Peer Steinbrück: von schneidender Intelligenz, hyperklug, nassforsch, polarisierend, dann auch noch offen kränkbar. Er hat die Welt zu klug und zu komplex erklärt. Ich verbinde den auch noch sehr schnell redenden Steinbrück immer mit einer überpotenten Unruhe. Das ist eine ganz schlechte Mischung. Da kommt man sich als Normalbürger doch nur noch dumm vor. Ich behaupte, das alles mögen die Leute nicht: Sie mögen keine Eitelkeiten, keine verletzenden Polarisierungen, keine scharfen Aggressionen. Sie mögen uneitle und unaufgeregte Politiker, die Mut und Haltung zeigen. Und das alles wird Merkel nachgesagt.

Wie kann Merkel als eine fürsorgliche Mutter gelten, wenn sie reihenweise in ihrer Partei ihre Konkurrenten aus dem Weg räumt und die Oppositionsparteien vor lauter Angst um ihr Überleben mit ihr gar nicht koalieren wollen oder sich dazu zwingen müssen?

Das ist ein spannender Punkt: Mutter und Macht. Ich will jedoch zuerst diesen Punkt noch einmal stark machen: Merkel gilt als fürsorgliche Mutter, die ihre Kinder auch in schweren Zeiten durchbringt. Da ist übrigens eher von Vorteil, dass sie selbst keine Kinder hat. Ihre Kinder, ihre Familie, das ist das deutsche Volk. Und Mütter, die sich so fürsorglich um ihre Kinder kümmern, die werden nicht kritisiert. Vielleicht von Journalisten, die müssen das aus beruflichen Gründen tun, aber kaum von der Bevölkerung. Nun zur Machtfrage. Das lässt sich gut vereinbaren mit der Mutterrolle, wenn ein bestimmter Stil gewahrt wird. Haben Sie irgendwann einmal wirklich Blut spritzen sehen? Bei Christian Wulff, bei den Herren Koch, Oettinger, Röttgen oder zu Guttenberg? Der eine wich in die Wirtschaft aus, der andere wurde elegant nach Brüssel verschoben, der dritte und der vierte meuchelte sich jeweils selbst. Und schauen Sie mal, wie charmant sie auf internationaler Bühne mit diesen Staatsmännern umgeht, sie ins Leere laufen lässt und sie nicht selten um den Finger wickelt. Ich gestehe: Das ist ein Versuch, diese komplexe Verbindung zu erklären. Meine Antwort kann nicht alles erklären. Mutterbindungen sind letztlich Welträtsel.

Was sagt Mutter Merkel denn über die Bevölkerung, also über das deutsche Wahlvolk?

Gemessen an Wahlen und Umfragen verharrt vermutlich etwa die Hälfte der Bevölkerung in einer emotionalen Regression. Da werden in fast kindlicher Weise Urbilder der Mütterlichkeit revitalisiert, auf der Suche nach Schutz und aufgrund der Sehnsucht nach Vertrauen. Regressives Verhalten ist in der Politik immer vorhanden. Barack Obama weckte mit seinem "Yes, we can"-Charisma regressive Hoffnungen. Wie anders ist die lange Regierungszeit von Berlusconi zu erklären als mit rational und kognitiv nicht zu erklärenden Hoffnungen auf den erfolgreichen Unternehmer, der Italien retten wird. Entscheidend sind Umfang und Tendenz der kindlichen Vereinfachungen der Welt. Es gibt zwei wesentliche Faktoren, die regressives Verhalten befördern: ausgeprägte Unübersichtlichkeit und Bedrohungsgefühle. Das hat beispielsweise folgenden Effekt: Opposition und Medien heben ständig vorwurfsvoll oder anklagend die Krisen hervor. Und dann taucht Mutter Merkel auf und sagt, ihr müsst keine Angst haben. Das heißt, die Verhältnisse in dieser Welt, in der zu viel Ängstigendes im Umlauf ist, stärken die Rolle von Merkel, denn sie beruhigt, die anderen beunruhigen eher. Sie zapft diese kindlichen Gefühle an. Und die Kritiker meinen, so könnten sie Merkel schwächen, weil sie programmatisch auf ihre Fehler aufmerksam machen, welche die Krisen ja noch verschärfen. Das stimmt vermutlich. Aber Mehrheiten blicken eben aus einer ganz anderen seelischen Perspektive auf Merkel.

Sie haben gesagt, mindestens die Hälfte der Bevölkerung ist regressiv. Was macht die andere Hälfte?

Wir haben viele klugen Debatten und Auseinandersetzungen. Denken Sie nur an die vielen Talkshows. Aber das ist eine Art Dauergesums, das nicht überspielen kann, dass sich viele Bürger in Resignation von der Politik abwenden. Die Aufmerksamkeit, die Satiresendungen wie die "heute-Show" heute ernten, ist ein Indikator: Häme und Satire sind immer dann erlaubt und werden immer dann besonders goutiert, wenn sich Ohnmachtsgefühle und Gefühle mangelnder Kompetenz paaren. Nennenswerte Teile der Bevölkerung erhöhen zwar ständig ihren Bildungsgrad. Das ist geradezu vorbildlich. Jedoch: Es geht dabei fast nur um berufliche Kompetenzen. Auf der Ebene der Gesellschaftspolitik sind die biedermeierlichen Tendenzen mit Rückzügen in vermeintliche private Idyllen und hausbackene Lebensformen doch unübersehbar. Und damit der Rückzug des tiefer gehenden politischen Aufklärerischen.

Die andere Hälfte schaut also "heute-Show", liebt Biedermeier und bildet sich beruflich weiter?

Es sind zwei Welten zu erkennen: Die gesamtgesellschaftliche Ohnmacht einerseits und andererseits eine Alltagspolitik der kleinen Veränderungen. Das traditionelle Vereinsleben blüht und gedeiht, aber auch die Genossenschaftsidee, gerade im Wohnbausektor, und Flüchtlingsinitiativen. Viele Bürger sind auch aktiv, wenn es darum geht, Natur zu schützen, bessere Ernährung zu organisieren. Es gibt also eine Welt vor Ort, in der sich enorm viel tut. Die ist aber weitgehend getrennt von der Welt der sogenannten großen Politik.

Warum gibt es keine politische Gegenfigur?

Ich antworte darauf mit aller Vorsicht. Es könnte sein, dass die mit Merkel konkurrierenden Parteien das Verhältnis von Programm und Person, von Fakten und Gefühl anders austarieren müssten. Willy Brandt war erfolgreich mit einem Verheißungsprogramm: mehr Demokratie wagen. Obama war erfolgreich mit einer Verheißungstheologie. Wenn Politiker sich an 8,50 Euro Mindestlohn buchstäblich nur festklammern als Erfolgsrezept oder an 49 Prozent Spitzensteuersatz, das kann nicht funktionieren, obwohl mit diesen Punkten auch viel Gefühl verbunden ist. In der Hauptsache auf die Programmebene zu setzen, das funktioniert nicht mehr. Und noch mal: Merkel pflegt ihre mütterliche Rolle. Ihr bescheidenes Leben, einkaufen im Supermarkt, am Samstagnachmittag Kartoffelsuppe rühren, während sie mit dem Handy am Ohr den politischen Raufbold Seehofer zu besänftigen oder eine Bankenkrise in Slowenien oder Zypern zu lösen versucht. Daneben hat sie einen beruflich angesehenen, ja renommierten Mann, der ebenso bescheiden und zurückhaltend ist. Sich rund um die Uhr fürsorglich um 80 Millionen Kinder kümmern – das ist harte Arbeit an der Mutterrolle. Und sie verbindet dies mit inhaltlich passenden Positionierungen, auch wenn dabei 20 Prozent der Ärmsten fast auf der Strecke bleiben. Denken Sie an ihre Stereotype, die Politik müsse mit dem Geld so sparsam umgehen wie eine schwäbische Hausfrau. Oder ihre entlastenden Komplexitätsreduktionen, ihre Politik sei alternativlos. Allerdings hat dies Gerhard Schröder vor ihr auch schon einige Jahre praktiziert.

Und warum antworten Sie mit aller Vorsicht?

Na ja, Politik und Psychoanalyse, das ist alles andere als ein Erfolgsduo. Das Ehepaar Mitscherlich und Horst-Eberhard Richter haben Vorbildliches geleistet in der Diagnose der gesellschaftlichen Verhältnisse mit dem Besteckkasten der Psychoanalyse. Und der Preis: In der Fachwelt wurde ihnen vorgehalten, sie seien deshalb keine guten Psychotherapeuten mehr. Vielleicht waren die Hoffnungen zu groß, was Psychoanalyse für die Analyse politischer Prozesse leisten kann. Heute ist die Psychoanalyse in der Öffentlichkeit fast out. Herausragende Arbeiten von Hans-Jürgen Wirth beispielsweise über Macht und Narzissmus oder von Thomas Auchter werden außerhalb der Fachwelt leider viel zu wenig zur Kenntnis genommen. Wir als analytische Zunft haben keine Stimme mehr auf der Ebene der Gesellschaft.

Tilmann Moser, Jahrgang 1938, ist Psychoanalytiker und Körperpsychotherapeut. Er praktiziert seit 1978 in Freiburg und beschäftigt sich seit den 70ger-Jahren unter anderem mit den seelischen Spätfolgen von NS-Zeit, Krieg und repressiver Religion. 2012 erschien von ihm das Buch "Geld, Gier und Betrug. Wie unser Vertrauen missbraucht wird – Betrachtungen eines Psychoanalytikers".

Moser macht noch auf zwei Autoren aufmerksam. Thomas Auchter, Psychoanalytiker und Psychotherapeut, hat 2012 das Buch "Brennende Zeiten – Zur Psychoanalyse sozialer und politischer Konflikte" veröffentlicht, in dem er die Themenfelder Erziehung, Gewalt und Antisemitismus bearbeitet. Von Hans-Jürgen Wirth erschien 2011 das Buch "Narzissmus und Macht – Zur Psychoanalyse seelischer Störungen in der Politik", in dem er unter anderen Helmut Kohl porträtiert, den Kosovokrieg analysiert und den möglichen Nutzen der Psychoanalyse für die Politik skizziert.


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Kommentare

Kornelia, 10.12.2013 11:08
Also ich hab mich schon gefragt:
welche frühkindlichen Störungen die Notheis/Mappus Männer haben, und in folge all jene die den Mutti-Begriff gedankenlos, diffamierend aufgriffen?
Was ist also mit den Menschheit los, die ein Problem mit Muttern haben?
Wurde Herr Kohl jemals als fürsorglicher Vater betitelt? Obwohl er mehrmals nach seiner Amtszeit noch vorgeschlagen wurde für den Friedensnobelpreis! Niemals würde man(n) von Vati Rommel, Vati Schuster reden/schreiben.....
Wann endlich werden Männer erwachsen?

Die Wähler und Frau Merkel
vielleicht sollten Man(n) sich mal fragen warum sich keine guten Gegenspieler finden?!
Weil sie zwar unter Mann den Prinzen geben können, aber nicht unter Frau?
Und wenn die SPD-Tante einen guten starken Gegenspieler aufgestellt hätten, dann wären sie eine Gefahr geworden (aber einen bekannten 1 500 000 Nebeneinkommen habenden Steinbrück, der unter Merkel gestümpert hat?)
Ja Frau Kraft wäre eine Gefahr für Merkel gewesen... nicht weil sie Mutti ist sondern weil sie Biss hat und Mut bewiesen hat (wer wollte denn die NRW-SPD?)
Nur unter diesem infantilem Männer-Gesangsverein SPD würde ich einer starken Frau nicht raten, Amt anzunehmen (Frau hat dann sofort Beisszecken im Pelz!)
Warum also eine schlechte Kopie wählen, die dann richtig viel kostet wenn mensch das Original billiger haben kann? die verspricht nix, und bricht damit auch keine Wahlversprechen!
die SPD unter Kohl, unter Schröder, unter Schmiedel war ein Desaster!


Männer können bis heute nicht mit Frauen auf gleicher Augenhöhe agieren, mit ihnen koalieren!
DA sollten sich Männer mal fragen was da bei ihnen falsch gelaufen ist! und nicht in den Zustand von Diffamierung und Projektion verfallen!

Ulrich Frank, 15.11.2013 15:13
Ein sehr schöner Artikel zum Thema Verdrängung. Hinzuzufügen wäre, daß die weitgehend zahnlos gewordenen, in Nebenbereiche luxurierenden öffentlich-rechtlichen Medien - zwangsfinanziert - dieses bescheidene Mutti-Image in ihren Gesamtduktus nahtlos integrieren. Die Bevölkerung bezahlt so in Form einer perspektivelosen Symbiose diese Märchenshow auch noch mit. Und zeigt dann z.B. Mutti Merkel beim Deutschen Lieblingskind, Fußball, anwesend und emotional mitfiebernd, bei einem Sport, der auch die öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen mittlerweile hemmungslos überwuchert und relevante Differenzen und Inhalte verdrängt.

Vera Schrader, 13.11.2013 12:04
Sehr guter Artikel.
Interesante Zusammenhänge, die definitiv neue und eigene Gedankengänge anstoßen. Mal ne ganz andere Sichtweise.
Auch wenn mir persönlich bei den Antworten etwas mehr Bestimmtheit recht wäre.
Ich denke aber auch, dass Angela Merkel ein fähiger Gegenspieler im Moment fehlt.
Ist im Moment ein bißchen wie im Schwergewichtsboxen.
Die Klitschkos stehen über den Dingen, es fehlen ihnen aber auch die Gegner.
Deutschland hat ja einige fähige Politiker.
Diese verzetteln sich jedoch in ihren Eitelkeiten oder gehören Parteien an, welche nicht den Stimmanteil genießen, welcher es erlauben würde den Kanzler zu stellen.
Der Brückenschlag mit der Psychoanalyse gefällt mir.
Die Sache mit den Weiterbildungen kann ich unterschreiben. Zähle selbst erst 28 Lenze und habe auch oft das Gefühl, das ich eine der ganz wenigen bin, welche regelmäßig Politsendungen im Fernsehen verfolgt. Dabei ist die Auswahl ja wirklich groß.
Finde es ja vorbildich, dass sich die Leute überhaupt weiterbilden.
Aber um sich ein möglichst "wirkliches" und nicht nur rein subjektives Bild machen zu können, gehört eben auch politische Bildung dazu.
Für alle die sich kurz, aber umfassend informieren möchten. Da reicht die Zeit für jeden:
http://www.nur-nachrichten.de/Angela_Merkel

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