KONTEXT Extra:
NSU: Unterstützerumfeld nicht ausermittelt

Die NSU-Expertin im Landeskriminalamt Sabine Rieger hat dem zweiten parlamentarischen Untersuchungsausschuss empfohlen, weitere Zeugen zu den Verbindungen von Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos nach Baden-Württemberg zu vernehmen. Denn: Sie hält nicht für plausibel, dass die Kontakte 2001 tatsächlich abrupt abrissen – bis dahin sind rund 30 Besuche des Trios belegt – und dementsprechend die Arbeit nicht für "hundertprozentig abgeschlossen". Sie könne sich nicht vorstellen, dass es über 2001 hinaus "keinen gab, der zumindest Ansprechpartner war", sagte die Kriminalhauptkommissarin in der siebten Sitzung am Freitag im Landtag. Rieger nannte dem Ausschussvorsitzenden Wolfgang Drexler (SPD) verschiedene Namen von Zeugen, die möglicherweise ihrerseits Kontakt zu Kontaktpersonen gehabt haben könnten. Ein starkes Indiz dafür, dass der NSU immer weiter Verbindungen nach Baden-Württemberg pflegte, ist der Stadtplan von Ludwigsburg, der nach dem Auffliegen im November 2011 im Brandschutt von Zwickau gefunden wurde. Der stammt auf dem Jahr 2009.

Bekannt wurde inzwischen auch, dass die drei Rechtsterroristen vor ihrem Abtauchen 1998 von Thüringer Behörden abgehört wurden. Nach Angaben Drexlers ist allerdings ungeklärt, ob die entsprechenden Protokolle noch vorhanden sind. Der Ausschuss will dem nachgehen, weil darin ebenfalls Kontakte, etwa nach Ludwigsburg oder nach Heilbronn, belegt sein könnten. (24.2.2017)

Weitere Ausschuss-Termine: 20. März, 28. April, 15. Mai, 19. Juni, 17. Juli 2017. 


Abschiebung nach Afghanistan: Strobls "katastrophale Pannen"

Immerhin eines ist geklärt: was CDU-Innenminister Thomas Strobl unter dem "konsequenten Vollzug von Recht und Gesetz" versteht. Nach einer Einzelfallprüfung durch sein Haus sollten am Mittwochabend ein psychisch kranker Mann, der per Gerichtsbeschluss schon einmal von der baden-württembergischen Abschiebe-Liste geholt wurde, und ein afghanisch-türkischer Familienvater aus München nach Kabul reisen müssen. Abermals griffen Gerichte ein. Der grüne Koalitionspartner tobt, von "katastrophalen Pannen" ist die Rede und davon, dass der CDU-Landeschef alle Absprachen gebrochen hat. Sogar Ministerpräsident Winfried Kretschmann knöpfte sich den Stellvertreter vor. Und die baden-württembergischen Jusos sprechen von einem "Spiel mit dem Leben der Betroffenen". Dass wieder Gerichte "eingreifen müssen, um diesem Irrsinn ein Ende zu setzten, zeigt, wie leichtfertig mit dem Schicksal einzelner Menschen umgegangen wird". Die Landesregierung habe den Spielraum, "das zu stoppen, und muss diesen endlich nutzen".

Bisher wollte sich Kretschmann dem vorübergehenden Abschiebestopp nach Afghanistan, den andere grün-mitregierte Länder bereits umsetzen, allerdings nicht anschließen. Der Druck auf ihn steigt aber weiter, nachdem am Mittwoch auch ein Mann abgeschoben wurde, der seit Jahren einen Arbeitsplatz in Baden-Württemberg hatte. Außerdem ist Strobl weiter uneinsichtig und will die Aufregung beim Koalitionspartner, bei den Jusos, den Flüchtlingsorganisationen und vielen Unterstützern vor Ort nicht verstehen. Stattdessen sieht er in einer Aussetzung von Abschiebungen eine "Aushöhlung des Rechtsstaats". Er könne nicht nachvollziehen, sagt der Merkel-Vize, dass es Länder gibt, die sich "systematisch weigern", geltendes Recht zu vollziehen: "Das sind Schläge gegen den Föderalismus."

Mehr zum Thema: "Späte Einsicht", "Kritik ist Lüge", "Der Hardliner", "Geisterfahrer unterwegs" https://www.kontextwochenzeitung.de/politik/300/der-hardliner-4100.html


Alles von vorne

Nicht alle bekommen eine zweite Chance, baden-württembergische Landtagsabgeordnete nehmen sie sich: Mit einem sogenannten Aufhebungsgesetz beginnen die Reparaturarbeiten nach dem bisher größten Aufreger der Legislaturperiode, der im Hau-Ruck-Verfahren beschlossenen knappen Verdoppelung der Pauschalen für Aufwand und Wahlkreis, sowie der Rückkehr zur staatlichen Altersversorgung. Die Grünen wollten alle Vorhaben gemeinsam auf den Prüfstand stellen, CDU und SPD setzten sich durch mit einer Expertenkommission, die allein die Rentenreform prüfen wird.

Zuerst allerdings muss Mitte März das entsprechende Gesetz endgültig aufgehoben werden. Danach werden die Experten, einschließlich jener vom Rechnungshof, benannt. Irgendwann im Herbst soll dann mit jener Transparenz, an der es im ersten Durchlauf bitter mangelte, über die Veränderungen, mit denen eine Anhebung der Alters- und Hinterbliebenenversorgung einhergeht, diskutiert werden. Eile haben die Abgeordneten keine, denn niemand will sich ausgerechnet in den Wochen vor der Bundestagswahl abermals Vorwürfen aussetzen, sich eine Luxuspension auf Staatskosten zu genehmigen. (22.2.2017)

Mehr zum Thema: "Raffkes mit Mandat"


Fahrverbote beschlossen – Nordost-Ring vom Tisch

Wie ein Gespenst geisterte seit Wochen ein vor fast 40 Jahren beerdigtes Verkehrsprojekt durch die Debatte um Feinstaubalarmtage und Fahrverbote in der Landeshauptstadt: der Nordost-Ring. Jetzt hat Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) allen Spekulationen eine Absage erteilt. Auch deswegen, weil die Baumaßnahme entgegen den Behauptungen von Teilen der CDU keineswegs bereits im Bundesverkehrswegeplan steht. "Dort geht es um neun Kilometer der B 29", so Hermann nach dem heutigen Kabinettsbeschluss zu Fahrverboten ab 1.1.2018 an Feinstaubtagen, den schlussendlich auch die CDU-Landtagsfraktion mittrug.

Prompt gab es Lob von Umwelt- und Naturschützern. Hermann habe erkannt, so die BUND-Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender, "wenn nicht zeitnah effiziente Maßnahmen greifen, so werden die Gerichte die Entscheidungen zum Schutze der Bürger*innen treffen und die Politik das Heft aus der Hand geben müssen". Die Stuttgarter CDU ist noch nicht ganz so weit. Für den Kreisvorsitzenden Stefan Kaufmann sind Fahrverbote weiterhin "politisch klar abzulehnen". Und er träumt von Nordost-Ring: Jetzt gelte es "endlich neue Verkehrsprojekte wie den Nord-Ost-Ring auf den Weg zu bringen". Hermann machte dagegen deutlich, dass das nach dem eben erst in Kraft gesetzten Bundesverkehrswegeplan gar nicht möglich ist. 

In den Sechzigern und Siebzigern waren zwei Varianten durchdacht worden: eine größere mit einem Autobahnzubringer bei Mundelsheim und eine kleinere etwa auf der Gemarkungsgrenze zwischen Waiblingen und Fellbach. Schon damals vertraten Verkehrswissenschaftler allerdings die Ansicht, dass ein Ringschluss rund um Stuttgaart weniger die Stadt, sondern die Autobahnen im Westen und Süden entlasten würde.


Korntal: Opfervertreter verlangen mehr Engagement der Landeskirche

Die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der evangelischen Brüdergemeinde Korntal ist unterbrochen. Die Opfervertreter verlangen einstimmig, dass sich Frank Otfried July endlich entscheidend einbringt. "Wir werden nicht mehr mit den Brüdern sprechen", so Netzwerk-Sprecher Detlev Zander. Jetzt müsse "der Oberhirte, also der Bischof, ran". Im Betroffenen-Netzwerk organisiert, werfen mehr als 300 ehemalige Heimkinder der Brüdergemeinde vor, in den 1950er- bis 1980er-Jahren in deren zwei Einrichtungen sexuell missbraucht, misshandelt und gedemütigt worden zu sein.

Dass mehr Engagement von July gefordert wird, ist nicht neu. Im Sommer 2016 hatte einer der Betroffenen in einem langen Schreiben an den Landesbischof appelliert: "Die Kirche ist mit in der Verantwortung und wenn Sie als Oberhirte weiter schweigen, machen Sie sich persönlich schuldig. Die Heimopfer warten auf ein klärendes Wort von Ihnen." Denn die Korntaler Fürsorge habe "einen menschlichen Scherbenhaufen hinterlassen". (20.02.2017)


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Bunte Illustriertenwelt im Kioskregal. Foto: Joachim E. Röttgers

Bunte Illustriertenwelt im Kioskregal. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 117
Debatte

Die Krakenarme der Medienmultis

Von Ulrich Viehöver
Datum: 26.06.2013
Eine Presselandschaft ist so vielfältig und kultiviert, wie das Volk sie wünscht. Das Traumbild: Am besten sollten in jedem Ballungszentrum Deutschlands von Kiel bis Konstanz mindestens drei bis vier Zeitungen erscheinen, die publizistisch wie wirtschaftlich völlig voneinander getrennt sind. Und jede der wichtigen gesellschaftspolitischen Strömungen müsste vertreten sein. Das wahre Bild sieht anders aus.

Nur Vielfalt kann gewährleisten, dass wir uns gemäß Grundgesetz frei und ungehindert aus verschiedenen Quellen informieren können. Doch von diesem Ideal ist unsere Presselandschaft weit entfernt. Statt Pluralität herrscht öde Einfalt – gedruckt oder im Internet. Großstadtregionen mit zwei oder mehr Medienhäusern, die wirklich miteinander konkurrieren, sind selten geworden. Stattdessen hat sich bei den Mediennutzern nach dem Zweiten Weltkrieg die Meinung verfestigt, Massenmedien müssten möglichst parteipolitisch neutral ("unparteiisch"), wirtschaftlich unabhängig und damit bei allen Themen stets "objektiv" sein – welch ein weltfremder Blödsinn.

Im Mediengeschäft gibt es weder Wunder noch Heilige. Selbst eine Qualitätszeitung kann zwar Nachrichten und Themen nach bestem journalistischem Handwerk ergebnisoffen und aus diversen Perspektiven recherchieren und berichten, aber sie wird niemals auf ihr Recht verzichten können, eine eigene Meinung und Haltung einzunehmen und zu vertreten. Alles andere wäre übermenschlich. Es ist also übler Etikettenschwindel, "unparteiisch", "unabhängig" oder ähnliches sein zu wollen. Sind also die Nutzer ("User") von Massenmedien an Deutschlands trister Presselandschaft schuld, weil sie dieses Märchen glauben? Warum sind sie so uninteressiert, aus möglichst vielen (Meinungs-)Quellen schöpfen zu wollen? Sicher würde ich es mir zu leicht machen, wenn ich die Schuld an der Pressekonzentration aufs Publikum abwälzen würde. Mehr Durchblick bei den Medien wäre zwar vielen Lesern, Hörern, Zuschauern zu wünschen, aber dieser freien Sicht steht vorsätzliches Täuschen und Tarnen entgegen. Großverlage servieren nämlich ihren publizistischen Einheitsbrei in kleinen Portionen mit zahlreich Etiketten (Titeln). "More of the same", wie die Amerikaner dazu sagen.

Zehn Meinungs-Oligopolisten agieren wie Riesenkraken

Der Blick auf einen Pressekiosk täuscht Vielfalt vor, die nicht existiert. Hinter dem bunt erscheinenden Blätterwald stecken in Wahrheit vorwiegend zehn führende Medienhäuser. Sie beherrschen das Milliardengeschäft der Massenmedien – von Zeitungen über Zeitschriften bis zu Hörfunk und Fernsehen.

Bild liegt vorn, am Kiosk und in der Auflage. Foto: Röttgers
Bild liegt vorn, am Kiosk und in der Auflage. Foto: Röttgers

Die Folge dieses Meinungs-Oligopols: So ziemlich jeder Erwachsene kommt regelmäßig mit den mächtigen Meinungsmachern in Kontakt, ohne sie als Ganzes wahrzunehmen. Doch sie alle ziehen ihre Fäden still zur hohen Politik und tief in Lobbyverbände hinein. Wer kennt schon die publizistischen Riesen? Kaum ein Konzern tritt unter dem Namen seiner Besitzer auf. So stehen die fast durchweg von Familien geführten Giganten im Schatten ihrer eigenen Größe – mit Absicht. Diese Pressekonzentration im 80-Millionen-Volk ist peinlich. Und sie nimmt immer schärfere Züge an. Daher ist der Satz von Paul Sethe (1901–1967), konservativer Publizist, Journalist und umstrittener Mitherausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) aus den Sechzigerjahren, aktueller denn je: "Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten."

Publizistisch haben heute vermutlich kaum hundert Multimillionäre sowie einige Funktionäre und Spitzenpolitiker der öffentlich-rechtlichen Anstalten das Sagen. Ihr Geld und Einfluss bestimmen die Richtung. So geht der Konzentrationsprozess in der Presse munter weiter! Wie heißen diese Meinungs-Oligopolisten, was sind ihre wichtigsten Publikationen? Im ersten Teil meiner Führung gehe ich bei den großen zwei der Einflussreichen auf Entdeckungsreise: Bertelsmann und Springer. In weiteren Folgen nehme ich unter aanderem die Verlagskonzerne WAZ, Holtzbrinck, Bauer, Burda, DuMont, FAZ, Madsack und Ippen unter die Lupe sowie die nahe liegende Südwestdeutsche Medienholding (SWMH), die zusammen mit der Süddeutschen und der Rheinpfalz-Gruppe weitgehend den süddeutschen Raum dominiert.

Medienmultis sind wie Riesenkraken: Überall reichen ihre langen Arme hinein, saugen und greifen ihre Näpfe gierig den Profit. Feinde halten sie im Würgegriff. Daher zählen sich Politiker lieber zu ihren Freunden, manche fressen den großen Tieren aus der Hand. So sind Bundes- wie Landespolitiker in Aufsichts- und Beiräten zu Diensten, oder sie lassen sich in Stiftungen, Projektgruppen oder Initiativen einer Lobby einbinden. Dafür genießen die Medienhäuser allerlei Privilegien: kein Mitspracherecht des Betriebsrats bei der Einstellung oder Entlassung von Redakteuren, Steuervorteile für Presseprodukte, Privatisierung und Liberalität im Niedriglohnsektor sowie grenzenlos freie Hand bei Privatsendern und deren Programmen. Nur dem ungehemmten Einfluss der Meinungs-Oligopolisten im Medienfilz der Politik sind die geltenden Mediengesetze der Privaten zu verdanken. Dieser Hohn auf eine würdige Medienkultur ohne ethischen Anker hätte nie in Kraft treten dürfen: jede Menge Unterbrecher- und Schleichwerbung (wie im US-Fernsehen), kaum journalistische Auflagen für die Inhalte, dafür seicht mit Sport und Unterhaltung und der Lizenz zum Gelddrucken.

Bertelsmann ruft nach Privatisierung

Die absolute Nummer eins an der Spitze dieser Profiteure heißt Bertelsmann SE & Co. KG a. A. Die Gütersloher stehen weltweit stets in einer Spitzengruppe etwa unter den ersten fünf. Bertelsmann betreibt fast jede Mediensparte und mehr – der Tausendfüßler der Szene: Buchverlage (Random House, darunter Goldmann), Buch- und Musik-Clubs, Printmedien, Druckereien, Kino, Film, Video (z. B.: CLT-UFA, Universum) sowie Hörfunk und Fernsehen im In- und Ausland mit der RTL-Schiene, Vox und N-TV. Doch das Imperium ragt weit über den Medienbereich hinaus. Bertelsmann steckt ebenso hinter Callcentern, besorgt Inkasso- und Adressenmanagement sowie den Warenvertrieb (Logistik) für allerlei Produkte auch außerhalb der Verlage und bietet Internet- und Online-Auftritte an. Auch sogenannte Outsourcing-Dienstleistungen mit Billigarbeitskräfte sind dabei. Hinter diesem Geschäft steckt der Ruf nach Privatisierung, an dessen Erfolg der Riese seit Jahren profitiert. Die Bereiche jenseits des klassischen Verlagswesens beschäftigen bereits die meisten Menschen der rund 100 000 Mitarbeiter in mehr als 40 Ländern.

Wer ahnt schon bei der Lektüre des "Spiegels" oder "Manager Magazins", dass auch diese "linken" Blätter im Einflussbereich der konservativ-pietistischen Verleger aus dem westfälischen Gütersloh liegen? Der Krake hält 25,1 Prozent am "Spiegel" und "Manager Magazin" – gedruckt wie online. Diese Publikationen sind Teil des Riesengeschäfts mit Zeitschriften und Illustrierten. Die meisten bunten Blätter sind in der Hamburger Tochter Gruner + Jahr (G + J) gebündelt, dem größten Zeitschriftenverlag Europas. Mit dem Paket führt der Konzern durch Zeitschriften wie "Stern", "Brigitte", "Gala", "Capital", "GEO", "P. M.", "essen & trinken", "Eltern", "Börse Online", "Sports", "Auto Motor Sport" usw. Neugründungen sind an der Tagesordnung wie u. a. "Park Avenue", "Emotion", "Healthy Living" ... Diverse Online- und Internetaktivitäten werden kräftig ausgebaut. Ein politisch wie gesellschaftlich entscheidender Coup gelang im Geschäft mit dem Privatfunk. Bertelsmann gehören 75,1 Prozent an der RTL-Group, wodurch die Gütersloher auch in dieser Sparte das Sagen haben – national wie international. Gut ein Viertel des RTL-Ablegers kam gerade an die Börse. Nun gebietet der Riese gemeinsam mit der britischen Pearson-Gruppe sowohl über gut zwei Dutzend TV-Sender und zig Radiostationen in Europa als auch über globale Produktionsgesellschaften für Filme und Videos.

Allerdings musste das Imperium auch Federn lassen, Betriebe sowie ganze Sparten aufgeben. So verkaufte der Multi fast alle Fachverlage (Bücher, Zeitschriften, Newsletter) sowie von der "Sächsischen Zeitung" abgesehen alle Tageszeitungen ("Berliner Zeitung", "Dresdner Morgenpost" und "Chemnitzer Morgenpost"). Die mit Pearson verlegte Wirtschaftszeitung "Financial Times Deutschland" (FTD, 50-Prozent-Anteil) wurde Ende 2012 nach hohen Verlusten eingestellt. Dieser Ausstieg ist wieder ein Beleg dafür, dass die Gütersloher wie andere Giganten nicht zögern, einzelne Objekte oder Firmen (Verlage, Druckbetriebe) radikal zu schließen oder zu verscherbeln.

Wie lockt man neue Leser an? Foto. Joachim E. Röttgers
Wie lockt man neue Leser an? Foto. Joachim E. Röttgers

Geht es ums Geld, agieren die Bertelsmann-Erben im Sinne des 2009 verstorbenen Medienmoguls Reinhard Mohn. Der konservative Pietist und Gründerenkel, der den christlichen Verlag nach 1945 zum weltlichen Weltkonzern aufbaute, hegte Rendite-Erwartungen zwischen zehn und 25 Prozent des Umsatzes pro Projekt. Seine Nachfolger übernahmen diese hohe Messlatte. Allen voran "Liz" Mohn, geborene Elisabeth Beckmann. Die frühere Telefonistin achtet streng auf die familiäre Linie im Hause sowie bei der Bertelsmann-Stiftung (diese ist politisch wie medial so einflussreich, dass sie ein eigenes Kapitel wert ist). Die anspruchsvolle "Liz" ist die zweite Frau von Reinhard Mohn. Viele Jahre leistete sich der Großverleger nämlich gleichzeitig zwei Frauen und Familien. Durch diese Parallelität zieht heute die Doppel-Familie Mohn (irgendwie) die Fäden hinter dem Medienmulti.

Auch Springer drängt ins Fernsehgeschäft

Mit deutlichem Abstand auf Bertelsmann folgt die Axel Springer-Gruppe (Berlin/Hamburg). Sein Schwergewicht liegt klar bei den aktuellen Medien, den Tageszeitungen. Der Medien-Mammut ist auch ein Riese bei Anzeigenblättern – von Schleswig bis Bayern dominieren seine Blätter mit dem roten Kopf. In diesen Sparten ist Springer Deutschlands Nummer eins. Namhafte Zeitungen sind "Bild", "Sport-Bild", "Frau im Bild", "Computer-Bild" ("Bild"-Gruppe), "Welt", "Welt kompakt", "Welt am Sonntag", "Hamburger Abendblatt", "Berliner Morgenpost", "B. Z." sowie Beteiligungen an nord- und ostdeutschen Zeitungen. Der gesellschaftliche und politische Einfluss der Springer-Presse spricht aufgrund der Millionenauflagen für sich. Das tägliche Gift wird bevorzugt über die leichte Kost Sport und Unterhaltung verabreicht, inszeniert auf der Bühne "Freizeitwelt". Letztere macht angeblich alle Menschen gleich. Weitere große Zweige Springers sind daher Publikumszeitschriften aus Freizeit und Hobby ("Boot", "Golf", "Tennis", "Ski", "Kino" ...) sowie TV-Blätter ("Hörzu", "Funk Uhr"). Sehr stark ist der Konzern auch bei Frauenblättern ("Bild der Frau" etc.). Hiervon besitzt der Verlag jede Menge. Weitere Stärken sind Druckereien und der Pressevertrieb (Grosso in Deutschland wie in Österreich). Hinzu kommen eigene Film- und Videobetriebe im In- und Ausland. Beteiligungen an Hörfunksendern existieren u. a. in Hamburg, Schleswig-Holstein, Stuttgart oder München. Aus Regionalzeitungen zog sich Springer teilweise zurück (verkauft an die Madsack-Gruppe, Hannover). Andererseits wird die "Bild"-Gruppe bevorzugt forciert, vor allem online. Generell gewinnen etwa Online-Zeitungen mit Nachrichtenvideos gegenüber Printmedien deutlich an Gewicht. Dagegen rutschte der Postzusteller PIN 2008 schmachvoll in die Pleite. Das "Erfolgsmodell" für Billigjobs, das von mehreren Großverlagen getragen wurde, musste zerschlagen werden.

Auch der Springer-Konzern versucht, sein Engagement bei elektronischen Medien (Sat 1-Pro 7) im In- und Ausland stark auszuweiten. Indes, der langwierige Versuch, die TV-Sender-Kette Sat 1-Pro 7 über die Tochter Ullstein (Berlin) seit Anbeginn zu erwerben, scheiterte am Kartellamt sowie an den Marktgegebenheiten. Die Fusionswächter meinten zu Recht, dass es für die freie Meinungsbildung schädlich sei, wenn ein Presseimperium neben Zeitungen und Zeitschriften auch über elektronische Medien Regie führt und in allen Sparten und auf Kanälen die Agenda beherrscht. Warum darf dann Bertelsmann im Medienmarkt nach Belieben zugreifen, wo und wie es gefällt? Das fragt sich auch Springer vehement. Die "Bild"-Macher gaben offenbar vorerst ihr Interesse an Sat 1-Pro 7 auf. Aber ihre Aktion erscheint undurchsichtig, denn Springer bleibt neim Fernsehen dicht am Ball. Gerüchte besagen, dass der "Bild"-Konzern über seine Blätter in der Türkei und Israel Einfluss auf die deutsche Sendekette nehmen könnte.

"Newsroom" – Pressekonzentration, versteckt im Konzern

Wie so oft schwappt wieder eine neue Welle über den Großen Teich herüber, getrieben von Sparkommissaren: Zeitungsgruppen schließen vollwertige Redaktionen oder magern sie kräftig ab. Der Großteil der Blätter entsteht komplett am sogenannten Newsdesk in einer Neudeutsch Newsroom genannten Zentralredaktion. Zur äußeren Tarnung einer Pressevielfalt bleiben die Zeitungstitel ("Köpfe") bestehen. Springer ist ein Pionier der versteckten Spar- und Konzentrationswelle. "Welt", "Welt kompakt", "Welt am Sonntag", "Berliner Morgenpost" wurden 2007 in einem Newsroom zentriert. Dieses Konzentrat, das für die eigene Zeitungsgruppe redaktionell wie eine Presseagentur arbeitet, spart Hunderte von qualifizierten Arbeitsplätzen – journalistischer Qualitätsverlust ist bei dieser Zentralisierung zweitrangig.

Auch Bertelsmann folgt dem Billigkurs. Nach Springer-Vorbild wurden die Redaktionen der Wirtschaftstitel "Capital", "Impulse", "Börse Online" Ende 2008 in einem Newsroom der Zentrale konzentriert und "verschlankt". Das Ende dieser Titel? Diese Pools bedeuten eine Konzentration bei der Auswahl der Nachrichten und Themen nach innen – so verborgen, dass kein Politiker oder Kartellamt warnend den Finger gegen die Zeitungsriesen hebt. Diese heimliche Beschneidung der Informations- und Meinungsfreiheit – immerhin bezahlen die Leser für eine vollwertige Publikation und nicht für einen anonymen Newsroom – bedroht die Gesellschaft. Wer außer Springer und Bertelsmann magert seine Redaktionen ebenfalls leise ab? Denn andere große Pressehäuser sind gefolgt oder folgen. Welche Macht haben die unbekannten Meinungs-Oligopolisten? Die mediale Nestbeschmutzung geht weiter.

 

Die Reihe wird vom Autor in loser Folge fortgesetzt.


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Kommentare

Jörg Prostka, 29.06.2013 21:25
Der längliche Kommentar von Gunther Schenk ist leider sehr sinnvoll, weil in der Tat viele ökonomische und unternehmerische Details nicht korrekt sind.
Als Ergänzung hier drei Anmerkungen zur Diskussion:
1. Welche Auswirkungen haben Medienkonzentration und Medienkonvergenz auf den Berufsalltag der Journalistinnen und Journalisten? Für den Journalismus als unabdingbare Konstante der Demokratie ist das wichtiger als eine nur oberflächliche und im Detail falsche Beschreibung der Konzerne.

2. Das Privileg "kein Mitspracherecht des Betriebsrats bei der Einstellung oder Entlassung von Redakteuren" ist nach meiner Kenntnis im Betriebsverfassungsgesetz begründet. Es gilt für Arbeitgeber, die sich auf die Meinungs-, Presse-, Kunst- und Wissenschaftsfreiheit (Art.5 GG) berufen können und auf Religionsgemeinschaften. Gilt das noch für Verlage, die journalistische Inhalte bei der publizistischen Konkurrenz einkaufen?
Als Beispiel aus NRW sei die WAZ-, neuerdings Funke-Mediengruppe genannt: Nach der Schließung und Entlassung der WR-Redaktion werden die Lokalausgaben der Westfälischen Rundschau vom langjährigen lokalen Rivalen Ruhr-Nachrichten geliefert. Da ist von weltanschaulicher Tendenz nichts mehr zu sehen - da herrschen nur noch Kostendenke und Renditeerwartung!

3. Ich hoffe, dass die kontext-Redaktion sich noch zu dem Beitrag äußert, denn die Berichte über Medien in Ba-Wü in der Printausgabe (taz-Beilage) sind lesenswert. Für evtl. weitere Folgen dieser Serie über Medienkonzerne sind also mehr Genauigkeit und weniger oberflächliche Darstellung wünschenswert!

Revolte der Eisbären im Zoo, 28.06.2013 10:42
Ja, die Undurchschaubarkeit der Besitzverhältnisse wird wieder durch die Leserkommentare bestätigt. Oben fehlt noch ein Komma usw.

Und jetzt? Beißt ihr in die Gitterstäbe?

Peter Fendrich, 27.06.2013 22:57
@Benno Mehring:

Gerade wegen des zu Recht beklagten Qualitätsverlustes und der zunehmenden Alternativlosigkeit sollte man an Kontext-Autoren scheinbar überkommen hohe Ansprüche stellen können.

Selbst wenn die lange Latte an Korrekturen nicht mal annähernd berechtigt wäre, müssten die Kontext-Redakteure reagieren: Entweder um Zweifel auszuräumen oder zur Richtigstellung. Ansonsten sehe ich die Reputation gefährdet.

Benno Mehring, 27.06.2013 17:35
Warum so feige? Weil wir Journalisten es gewohnt sind (und über Generationen waren), das Geschehen vom sicheren Balkon der uns von den Alliierten geschenkten - verordneten - Pressefreiheit aus zu beurteilen. Nun, da wir im Zuge der Umbrüche der Printmedien kämpfen müssten, fehlt es uns an Strategien, vor allem aber an Mut. Zu Gunther Schenk: Warum so streng? Wäre Ulrich Viehövers Philippika besser nicht erschienen, weil der Autor einige Veränderungen nicht berücksichtigt hat? Doch wohl kaum! Zielt er deshalb mit seiner Kritik am Medien-Monopoly daneben? Dreimal nein! Können wir uns darauf einigen, dass Viehöver einen überfälligen Artikel geschrieben und Sie, werter Gunther Schenk, ein paar wichtige Ergänzungen beigesteuert haben?

Paul, 26.06.2013 12:58
aber kann mir da mal einer erklären warum die oftmals vor Arroganz nur so strotzenden Journalisten nicht auf die Barrikaden gehen?
warum wehren sich diese Menschen, die gern vom Schreibtisch "Kriege" führen, vom warmen Sessel her andere Menschen verunglimpfen (Wutbürger), mit dem erhobenen Zeigefinger die Fehler brutalsmöglich anzeigen und aufzeigen.... warum ist diese Meute so unglaublich feige?

wie ja auch die Meute der Polizisten
die Meute der Juristen
die Meute der Politiker
die Meute der Wissenschaftler

warum sind diese in römsicher Dekadenz lebenden sozialen-Hängematten-Personen so unglaublich feige? aber gnadenlos den Anderen gegenüber?

Gunther Schenk, 26.06.2013 11:23
Schade, dass auch die Kontext Wochenzeitung an der Aufgabe scheitert, das Thema Medienkonzentration in der gebotenen Sachlichkeit, mit Blick auf die Gefahren und Entwicklungen, aber ohne Schaum vor dem Mund anzunehmen. Dieser Artikel hat zwar gute Ansätze, in weiten Teilen atmet er aber noch das Verständnis der Medienlandschaft des 20. (wenn nicht 19.) Jahrhunderts (wichtig ist, was mit Druckerschwärze auf Totholz gedruckt wird), und darüber hinaus ist er leider schlecht recherchiert (wenngleich immer noch besser als die meisten anderen Veröffentlichungen der letzten Zeit zu diesem Thema). Da hilft es auch nichts, ein paar oberflächliche Aktualisierungen (wie die Verwendung des Begriffs "User") einzubauen.

Zu den gröbsten Fehlern, Veralterungen und Merkwürdigkeiten im Artikel (i.d. Reihenfolge des Vorkommens im Artikel):

<blockquote><i>Die absolute Nummer eins an der Spitze dieser Profiteure heißt Bertelsmann SE & Co. KG a. A. ... Buchverlage (Random House, darunter Goldmann), Buch- und Musik-Clubs, Printmedien, Druckereien, Kino, Film, Video (z. B.: CLT-UFA, Universum) sowie Hörfunk und Fernsehen im In- und Ausland mit der RTL-Schiene, Vox und N-TV.</i></blockquote>

<ul><li>Falls mit "Kino" die UFA-Kinos gemeint sind (was sonst keinen Sinn ergibt, da "Film" ein separater Unterpunkt ist), so gehören diese schon seit 1972 nicht mehr zum Bertelsmann-Konzern. </li>
<li>Die CLT-UFA hatte nur von 1997 (Fusion von CLT und UFA) bis 2000 (Aufgehen in der RTL-Group) eine Relevanz.</li>
<li>Vox und n-tv stehen nicht neben der "RTL-Schiene", sondern sind Teil der RTL-Group.</li></ul>

<blockquote><i>Wer ahnt schon bei der Lektüre des "Spiegels" oder "Manager Magazins", dass auch diese "linken" Blätter im Einflussbereich der konservativ-pietistischen Verleger aus dem westfälischen Gütersloh liegen? Der Krake hält 25,1 Prozent am "Spiegel" und "Manager Magazin" – gedruckt wie online.</i></blockquote>

<ul><li>Es ist mir keine Quelle bekannt, die je das "Manager-Magazin" als "linkes Blatt" bezeichnet hat - der Autor darf mich aber gerne eines besseren belehren.</li>
<li>Wenn man schon Beteiligungen die dritte Nachkommastelle genau angibt, sollte der Wert auch stimmen. Der Bertelsmann-Anteil am SPIEGEL beträgt 19,1%, am Manager-Magazin 33,0%.</li></ul>

<blockquote><i>Mit dem Paket führt der Konzern durch Zeitschriften wie "Stern", "Brigitte", "Gala", "Capital", "GEO", "P. M.", "essen & trinken", "Eltern", "Börse Online", "Sports", "Auto Motor Sport" usw. Neugründungen sind an der Tagesordnung wie u. a. "Park Avenue", "Emotion", "Healthy Living" ... </i></blockquote>

<ul><li>"Börse Online" hat der Verlag im Januar verkauft.</li>
<li>"Sports" gibt es schon seit dem alten Jahrtausend nichts mehr.</li>
<li>"Park Avenue" wurde bereits 2008 eingestellt.</li>
<li>"Emotion" wurde 2009 verkauft.</li>
<li>"Healthy Living" wurde 2010 erst verkauft, dann eingestellt.</li></ul>

<blockquote><i> Gut ein Viertel des RTL-Ablegers kam gerade an die Börse. Nun gebietet der Riese gemeinsam mit der britischen Pearson-Gruppe sowohl über gut zwei Dutzend TV-Sender und zig Radiostationen in Europa als auch über globale Produktionsgesellschaften für Filme und Videos.</i></blockquote>

<ul><li>Peason hat seine Beteiligung an RTL bereits 2001 verkauft.</li></ul>

<blockquote><i>Allerdings musste das Imperium auch Federn lassen, Betriebe sowie ganze Sparten aufgeben. So verkaufte der Multi fast alle Fachverlage (Bücher, Zeitschriften, Newsletter) sowie von der "Sächsischen Zeitung" abgesehen alle Tageszeitungen ("Berliner Zeitung", "Dresdner Morgenpost" und "Chemnitzer Morgenpost"). Die mit Pearson verlegte Wirtschaftszeitung "Financial Times Deutschland" (FTD, 50-Prozent-Anteil) wurde Ende 2012 nach hohen Verlusten eingestellt.</i></blockquote>

<ul><li>Dresner Morgenpost und Chemnitzer Morgenpost wurden nicht verkauft, sie gehören nach wie vor zum Konzern. Die Financial Times Deutschland gehörte seit 2008 zu 100% zum Verlag.</li></ul>

<blockquote><i>Viele Jahre leistete sich der Großverleger nämlich gleichzeitig zwei Frauen und Familien. Durch diese Parallelität zieht heute die Doppel-Familie Mohn (irgendwie) die Fäden hinter dem Medienmulti.</i></blockquote>

<ul><li>Die Familie zieht nicht "irgendwie die Fäden", die Struktur ist ziemlich durchschaubar: Elisabeth "Liz" Mohn ist die größte Privataktionärin der Bertelsmann S.E., und gleichzeitig ist gemäß Satzung (die sie persönlich erwähnt) die mächtigste Person in der Struktur der Bertelsmann-Stiftung.</li></ul>

<blockquote><i>Der Medien-Mammut ist auch ein Riese bei Anzeigenblättern – von Schleswig bis Bayern dominieren seine Blätter mit dem roten Kopf. </i></blockquote>

<ul><li>Offenbar versteht der Autor unter "Anzeigenblättern" etwas anderes, als üblicherweise darunter verstanden wird. Die Anzeigenblätter dieser Republik (also kostenlose Wochenblätter) werden i.d.R. von den Tageszeitungsverlagen der jeweiligen Regionen kontrolliert. Axel Springer ist nur dort im Wochenblattsektor aktiv, wo man auch Tageszeitungen verlegt - eben in Berlin und in Hamburg.</li></ul>

<blockquote><i> Namhafte Zeitungen sind "Bild", "Sport-Bild", "Frau im Bild", "Computer-Bild" ("Bild"-Gruppe), "Welt", "Welt kompakt", "Welt am Sonntag", "Hamburger Abendblatt", "Berliner Morgenpost", "B. Z." sowie Beteiligungen an nord- und ostdeutschen Zeitungen. </i></blockquote>

<ul><li>Eine "Frau im Bild" gibt es nicht - vermutlich meint der Autor die "Bild der Frau".</li>
<li>Sport-Bild und Computer-Bild (sowie die "Bild der Frau") sind Zeitschriften, keine Zeitungen.</li>
<li>Die Beteiligungen an den ost- und norddeutschen Regionalzeitungen hat der Verlag in den letzten Jahren sukzessive und vollständig verkauft".</li></ul>

<blockquote><i>Weitere große Zweige Springers sind daher Publikumszeitschriften aus Freizeit und Hobby ("Boot", "Golf", "Tennis", "Ski", "Kino" ...) sowie TV-Blätter ("Hörzu", "Funk Uhr"). </i></blockquote>

<ul><li>Die Beteiligung am Jahr-Top-Special-Verlag hat Springer Anfang des letzten Jahres verkauft. Ein Kino- oder Ski-Magazin gehört aber weder zum Portfolio des JTS-Verlags noch zum übrigen Springer-Portfolio.</li></ul>

<blockquote><i>Auch der Springer-Konzern versucht, sein Engagement bei elektronischen Medien (Sat 1-Pro 7) im In- und Ausland stark auszuweiten. Indes, der langwierige Versuch, die TV-Sender-Kette Sat 1-Pro 7 über die Tochter Ullstein (Berlin) seit Anbeginn zu erwerben, scheiterte am Kartellamt sowie an den Marktgegebenheiten.</i></blockquote>

<ul><li>Seine Beteiligung an ProSiebenSat1 hat Springer schon 2007 vollständig verkauft. Welche besondere Rolle Ullstein bei der versuchten ProSiebenSat1-Übernahme (2005) gespielt haben soll, bleibt das Geheimnis des Autors.</li></ul>

<blockquote><i>Aber ihre Aktion erscheint undurchsichtig, denn Springer bleibt neim Fernsehen dicht am Ball. Gerüchte besagen, dass der "Bild"-Konzern über seine Blätter in der Türkei und Israel Einfluss auf die deutsche Sendekette nehmen könnte.</i></blockquote>

<ul><li>Axel Springer hat keine Blätter in der Türkei und Israel. (Man besitzt jedoch 20% am türkischen Radio- und Fernsehkonzern Dogan.) Aber wie soll darüber Einfluss auf ProSiebenSat1 genommen werden? Und was hat Israel damit zu tun? Wenn man dem Autor böse gesinnt wäre, könnte man ihm unterstellen, er wolle jahrzehntealte Reflexe wiederbemühen. Zumindest ist die Taktik, irgendein Gerücht in die Welt zu setzen, und sich dann damit zu verteidigen, dass man ja "Gerücht" dazugeschrieben habe, genau die BILD-Methodik, die der Autor bei BILD selbst - zurecht - kritikwürdig findet. </li></ul>

Zusammen mit dem allgemein aggressiven Tonfall ("weltfremder Blödsinn", "Krake", "Imperium"), im Artikel vergält das einem die Freunde und das Interesse an der Lektüre. Übernimmt ein Konzern eine Publikation, so ist er eine"Riesenkrake". Verkauft er eine Publikation, so "verscherbelt" er sie. Gründen er ein weiteres Medium, so "geht es ihnen nur darum, seinen Einflussbereich auszubauen". Schließen er eines, so "geht es ihm nur ums Geld".

Dabei wirft der Artikel eigentlich wichtige Punkte auf: Den großflächige Verlust der inneren Autonomie in zahlreichen Medienkonzernen in den letzten Jahren. Den Lohnverfall. Das Adressmanagement-Unwesen. Die Probleme beim Grosso. Den schleichenden Qualitätsverlust. Die Undurchsichtigkeit vieler Konzerne. Die Verknüpfungen mit politischen und gesellschaftlichen Akteuren. Die unzureichenden Selbstorganisationsrechte der Mitarbeiter. Die fehlende Durchsetzung von inhaltlichen Auflagen bei der Rundfunklizenzierung.

Schade. Normalerweise macht die Kontext-Wochenzeitung das besser.

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